Konflikttransformation im Süden Thailands: Die „Insider Peacebuilders’ Platform”

Insider Peacebuilders' Plattform, Prince of Songkla Universität, Pattani Campus.

Die Plattform der Insider Peacebuilders (IPP) umfasst Thai-Buddhisten, Thai-Chinesen und Malay-Muslime sowie Personen mit sehr unterschiedlichen parteipolitischen Einstellungen und Berufen. Allen ist an einer friedlichen Regelung des Konflikts in den drei südlichsten Provinzen Thailands bzw. in Pat(t)ani gelegen. Die IPP-Initiative begann als eine gemeinsame Konfliktanalyse mit dem Ziel, ein parteienübergreifendes Verständnis der Triebkräfte dieses Konflikts zu erarbeiten. Zuvor gab es im Wesentlichen nur parteiliche oder externe akademische Analysen. Viele Fragen zu den Verantwortlichkeiten für die Gewalttaten blieben offen, weil keine der beteiligten Organisationen sich zu einzelnen Anschlägen bekannte. Auf Basis dieser gemeinsamen Analyse entwickelten die beteiligten Personen Ideen und Konzepte für die Friedensförderung.

Im Februar 2013 wurde für diesen Konflikt zum ersten Mal ein von Malaysia fazilitierte „Friedensdialog“ zwischen der thailändischen Regierung und einer der militanten Organisationen, der Barisan Revolusi National (BRN), vereinbart. Das Projekt unterstützte diese Bemühungen durch Partnerschaften mit diversen akademischen und zivilgesellschaftlichen Initiativen im Sinne eines inklusiven „Multi-Track“-Friedensprozesses. Seit Ende 2013 beeinträchtigt ein anhaltender Machtkonflikt in Bangkok sowie die Übernahme der Regierungsgewalt in Thailand durch ein Militärregime diesen Prozess. Alle maßgeblichen Akteure haben jedoch ihr Interesse an einer Fortsetzung dieses Prozesses erklärt.

Laufzeit

2011 – 2015

Konfliktlage

Der Konflikt in Süd-Thailand ist ein Erbe der Kolonialgeschichte im kontinentalen Südostasien. Er wurde maßgeblich durch die Rivalität zwischen Großbritannien und Frankreich geprägt, die beide das Königreich von Siam als Allianzpartner gewinnen wollten. Der Konflikt ist auf die drei südlichsten Provinzen Thailands (Pat(t)ani, Narathiwat und Yala) sowie vier Distrikte in der benachbarten Provinz Songkla konzentriert, in denen die malaysprechende muslimische Bevölkerung die Mehrheit der Bevölkerung stellt (über 80 %). Das zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert florierende Sultanat von Pat(t)ani ist für sie bis heute ein gültiger Bezug ihrer politischen Ansprüche auf politische Mit- bzw. Selbstbestimmung. Das siamesische Königreich betont demgegenüber, dass spätestens seit dem Ende des 18. Jahrhunderts die Region tributpflichtig war und dass mit dem Anglo-Siamesischen Vertrag von 1909 ihr Souveränitätsanspruch über die Region endgültig geregelt worden sei.

Der Konflikt durchlief seit dem Ende des 19. Jahrhunderts Phasen der Repression und Assimilation einerseits und der Kompromissfindung und Integration andererseits. Im Jahr 2004 kam es erneut zu einer heftigen Eskalation, nachdem die Regierung eine strikte Politik von „Recht und Ordnung“ praktiziert und den militanten Widerstand als organisierte Kriminalität diskreditiert hatte. Seitdem sind über 6.000 Personen in dem Konflikt umgekommen, über 10.000 wurden verletzt. Aktuell kann der Konflikt als ein paradigmatischer ethnopolitischer Konflikt um die Legitimität der thailändischen Regierungsgewalt in der Region beschrieben werden. Mit der Eröffnung eines offiziellen Friedensdialogs im Februar 2013 gibt es endlich die Chance für dessen Transformation, aber die Widerstände und Schwierigkeiten auf beiden Seiten sind beachtlich und erfordern ein beharrliches und kluges Engagement der „Insider Peacebuilder“.

Ansatz

In der Vergangenheit konzentrierte sich die staatliche Konfliktbearbeitung vor allem auf das klassische Feld der Sicherheitspolitik sowie auf diverse Maßnahmen zur Entwicklungsförderung. Erst in jüngerer Zeit wurden Maßnahmen zur Förderung der Rechtsstaatlichkeit sowie zur Wiedergutmachung in Form von Kompensationszahlungen für Gewaltopfer und deren Familienangehörige initiiert. Die direkte Auseinandersetzung mit den Ursachen des Konflikts und dessen Bearbeitung findet erst seit einigen Jahren statt. Hier liegt der Schwerpunkt des IPP-Projekts, das folgende Elemente umfasst:

  • die Entwicklung von „Multi-Track“-Strategien für die politische Transformation des Konflikts
  • die Schaffung von Räumen für die kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Bemühungen zur Transformation des Konflikts
  • dialog- und kapazitätsbildende Programme
  • die Vernetzung von Initiativen im humanitären, pädagogischen und psychosozialen Bereich
  • die Förderung von Frauen- und Jugendinitiativen und
  • die Kooperation mit lokalen und alternativen Medien.

Ziele & Ergebnisse

Die IPP ist ein Ergebnis des mehrjährigen Engagements von zivilgesellschaftlichen und politischen Aktivisten, Alternativen zum gewaltsamen Konfliktaustrag in der Region zu schaffen. Ursprünglich war das primäre Ziel, aufgrund der gemeinsamen Konfliktanalyse, effektive Strategien für ein komplementäres Engagement verschiedener Akteure zu entwickeln. Das ist mittlerweile auch geschehen, insbesondere im Rahmen von Aus- und Weiterbildungsprojekten zu konfliktrelevanten Themen sowie von Initiativen zur Einbindung von speziellen Interessengruppen wie von Minoritäten in einer Minderheitenregion.

Schlüsselakteure

Die im IPP engagierten Personen sind überwiegend Multiplikatoren, die entweder selbst im Süden leben bzw. aus anderen Regionen Thailands stammen, aber ein besonderes Interesse an der friedlichen Transformation dieses Konflikts haben. Die Mehrzahl der Beteiligten sind Angehörige der Zivilgesellschaft, staatlicher Institutionen, der Geschäftswelt, aus dem Bildungs- und Hochschulbereich, dem Mediensektor, religiösen Einrichtungen und politischen Parteien. Sie wurden aufgrund von gemeinsam erarbeiteten Kriterien eingeladen, um eine hinreichende Repräsentanz der verschiedenen Interessengruppen in der Plattform sicherzustellen.

Partner

Die IPP ist eine Gemeinschaftsinitiative. Sie wurde von einer Reihe von einheimischen Institutionen in Thailand in Zusammenarbeit mit der Berghof Foundation auf den Weg gebracht:

  • dem Center for the Study of Conflict and Cultural Diversity (CSCD) auf dem Pattani Campus sowie dem Institute of Peace Studies (IPS) auf dem Hat Yai Campus der Prince of Songkla University (PSU)
  • dem Center for Peace and Conflict Studies (CPCS) an der Chulalongkorn University, dem Institute of Human Rights and Peace Studies (IHRP) an der Mahidol University und dem Peace Information Center (PIC) an der Thammasat University
  • dem Office of Peace and Governance am King Prajadhipok’s Institute (KPI), ein Beratungsorgan des thailändischen Parlaments
  • der NGO Deep South Watch, die neben dem Monitoring der lokalen Entwicklungen eine maßgebliche Rolle bei der Schaffung öffentlicher Räume für einen friedlichen Wandel in der Region spielt.

Die Arbeit im Kontext der IPP hat seit 2011 eine Reihe von Folgeprojekten hervorgebracht. Teilnehmende Organisationen und Personen haben Analyseinstrumente übernommen, neue Personen für das Netzwerk ausgewählt und die Reichweite der Arbeit maßgeblich erhöht.

Förderer

Die Arbeit wird finanziell aus Mitteln des Eidgenössischen Departments für Auswärtige Angelegenheiten (EDA, Schweiz), der Botschaften Finnlands und Norwegens in Thailand sowie UNDP Thailand gefördert. Auch The Asia Foundation und mehrere der teilnehmenden Universitäten beteiligen sich finanziell.

Policy Paper zur Reflexion des offiziellen Friedensprozesses 2013/2014

Der im Februar 2013 begonnene Friedensprozess war ein zentrales Thema der IPP-Treffen. Dabei ging es neben dem Informationsaustausch und der Analyse der Track-1-Gespräche vor allem darum, Ideen und Vorschläge für dessen Vertiefung und Verbreitung zu entwickeln und zu diskutieren. Anfang 2014 mündete dieser Prozess in die Publikation des gemeinsamen Policy Papers „How can the peace process be taken forward?“.

Peace Resource Centre (PRC)

Die Diskussion zu den Stärken und Schwächen des Friedensprozesses von 2013 führte zu der Einsicht, dass es hilfreich wäre, auf konkrete Erfahrungen aus vergleichbaren anderen Prozessen zurückgreifen zu können und eine Art „Sicherheitsnetz“ zu schaffen. Beides könnte durch Initiativen und Ideen in kritischen Momenten helfen, Blockaden oder Pattsituationen zu überwinden. So entstand der Plan, ein Peace Resource Center (PRC) zu gründen, in dem dieses Wissen organisiert und die entsprechenden Dienstleistungen bereitgestellt werden sollen.

Gemeinsame Konfliktanalyse für eine komplementäre Friedensförderungsstrategie

Das IPP-Projekt begann mit einer gemeinsamen Konfliktanalyse 2011 und 2012. In insgesamt acht Workshops und diversen Folgetreffen in kleineren Arbeitsgruppen ging es darum, ein gemeinsames Verständnis über die Ursachen und Antriebskräfte des Konflikts zu gewinnen. Dafür wurde zunächst ein breites Spektrum von analytischen Werkzeugen vorgestellt und anhand von Beispielen aus anderen Ländern erläutert. In einigen Fällen war es offensichtlich, dass die Ergebnisse „parteilich“ ausfallen mussten, z.B. in der Frage der Narrative des Konflikts. In anderen Fällen gelang es, sich auf eine am Ende einvernehmliche Analyse zu verständigen. Dieser Ansatz wird derzeit, mit dem Schwerpunkt auf der kombinierten Analyse des fortlaufenden Konflikts mit den Bemühungen um einen Friedensprozess, weiter fortgeführt.

  • Insider Peacebuilders Platform (IPP): How Can the Peace Process be Taken Forward. 28 February 2014. Policy Paper. PDF >
  • Mathus Anuvatudom & Norbert Ropers: Peace Processes as Joint Learning Processes of Stakeholders and Insider Peacebuilders. A Case Study on Southern Thailand. 2013. Contribution to the Asia-Pacific Peace Research Association (APPRA) Conference “Engaging Violent Conflicts in Asia-Pacific with Nonviolent Alternatives”, Bangkok, 12–14 November 2013. PDF >