Regierungsführung und Insider Peacebuilders im Übergang von Krieg zu Frieden

Dieses dreijährige Forschungsprojekt untersucht alternative Formen von Regierungsführung und die Rolle von „Insider Peacebuilders“ in Gesellschaften im Übergang von Krieg zum Frieden. Unter dem Begriff Insider Peacebuilders verstehen wir Personen mit umfassendem Wissen über lokale Kontexte, mit einem hohen Maß an persönlichem Engagement, mit dem Potential zur Möglichkeit der Einflussnahme und dem Zugang zu formalen Strukturen sowie zu allen Konfliktparteien.

Aufbauend auf Fallstudien aus Nepal, Aceh/Indonesien, Myanmar (Birma) und Sri Lanka untersuchen wir, ob alternative Regierungsformen effektiv zur Erfüllung staatlicher Verantwortung („Accountability“) beitragen können, insbesondere im Kontext von autoritären und schwachen Staaten wie jenen in Süd- und Südostasien. Ziel des Projekts ist es, derartige Regierungsformen zu identifizieren und ihre Verbindungen und Interaktionsdynamiken mit informellen Netzwerken von Insider Peacebuilders zu analysieren, die auf lokaler oder transnationaler Ebene Einfluss auf Staat und Gesellschaft nehmen.

Um die Bedeutung von Insider Peacebuilders auf verschiedenen Ebenen der Regierungsführung zu untersuchen, wenden wir unterschiedliche Methoden an, darunter Aktionsforschung, ethnologische Forschungsmethoden und umfassende Sekundärliteraturrecherche. Dabei verfolgen wir einen dreistufigen Ansatz: Von der Forschung, mit dem Schwerpunkt auf empirisch-basierter Theoriebildung, zur Praxis, die Personen unterstützt, die sich für gesellschaftlichen Wandel einsetzen und den Aufbau eines Netzwerks für sozialen und politischen Wandel vollziehen, hin zu Politikempfehlungen.

Die Projektergebnisse werden über eine Reihe von Veranstaltungen und Veröffentlichungen verbreitet und sollen sowohl politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger im regionalen Kontext erreichen als auch die Kompetenzen potentieller Insider Peacebuilders stärken.

Laufzeit

2012 – 2016

Konfliktlage

Fortbestehende ethnische Konflikte und konfessionsgebundene Gewalt, Straflosigkeit und das Fehlen effektiver Justizmechanismen kennzeichnen mehrere Länder Süd- und Südostasiens. In den meisten dieser Fälle ist der Staat entweder nicht willens oder nicht in der Lage, Forderungen nach Gleichberechtigung, Gerechtigkeit, gesellschaftlicher Teilhabe oder staatlicher Verantwortung („Accountability“) nachzukommen. Auch dort, wo jahrzehntelang bewaffnete Konflikte durch politische Verhandlungsprozesse beendet werden konnten, wurden die strukturellen Ursachen für diese Konflikte oft nicht hinreichend aufgearbeitet. Auch die Umsetzung von Friedensabkommen erweist sich als schwierig. Es stellt sich die Frage, wie solche Friedensprozesse effektiver und krisenbeständiger gestaltet werden können.

Ansatz

Mit Blick auf die Effektivität von Friedensprozessen beleuchtet dieses Projekt zwei zentrale Elemente: Insider Peacebuilders und alternative Formen von Regierungsführung.

Insider Paecebuilders verfügen über umfassendes Wissen über lokale Kontexte, sind engagiert und haben Zugang zu formalen Strukturen. Sie können alle Konfliktparteien gleichermaßen erreichen, genießen das Vertrauen der relevanten Akteure und haben eine gute Reputation.

Vor diesem Hintergrund untersucht und unterstützt das Projekt erstens jene Netzwerke von Insider Peacebuilders, die in der Vergangenheit in den vier Fallstudien als friedensfördernde Akteure aufgetreten sind. Zweitens wird beleuchtet, wie Insider Peacebuilders mit alternativen Formen von Regierungsführung neue friedensfördernde Strategien erarbeitet und umgesetzt haben.

Zentrale Forschungsfragen sind:

  • Welche alternativen Formen von Regierungsführung existieren (beispielsweise hybride, transnationale oder parallele Formen)? In welcher Weise können diese Formen im Kontext autoritärer und schwacher Staaten in Süd- und Südostasien dazu beitragen, staatliche Verantwortung einzufordern sowie Straflosigkeit, Kriegsverbrechen und sexuelle Gewalt zu bekämpfen?
  • Welche Verbindungen und Dynamiken gibt es in den vier untersuchten Ländern – Aceh/Indonesien, Myanmar (Birma), Nepal und Sri Lanka – auf lokaler, regionaler und transnationaler Ebene zwischen informellen Netzwerken von Insider Peacebuilders, Staat und Gesellschaft?

Methodisch kombinieren wir Aktionsforschung mit ethnographischen Forschungsmethoden und umfassender Sekundärliteraturrecherche. Durch die gezielte Verbindung von Forschung und Praxis kommt unser Projekt relevanten Akteuren auf drei Arten zugute: Die empirisch-basierte Theoriebildung und die kritische Analyse von Insider Peacebuilders und ihren informellen Einflussnetzwerken greift eine Forschungslücke in diesem Bereich auf. Dieses Projekt trägt somit dazu bei, den bisher in der Forschung wenig scharf umrissenen Begriff der Insider Peacebuilders konzeptuell zu verankern. Auf Basis dieses Wissens werden Insider Peacebuilders gezielt unterstützt und der Aufbau eines regionalen Netzwerks für sozialen und politischen Wandel wird im Rahmen des Projekts gefördert. Die Ergebnisse aus Forschung und Praxis werden schließlich in Form politikrelevanten Wissens zu Politikempfehlungen zusammengefasst.

Ziele & Ergebnisse

Indem die Berghof Foundation alternative Formen von Regierungsführung in Aceh/Indonesien, Myanmar (Birma), Nepal und Sri Lanka identifiziert und deren Verbindungen und Interaktionsdynamiken mit Netzwerken von Insider Peacebuilders untersucht, leisten wir einen signifikanten Beitrag zur komparativen Forschung in diesem Bereich. Im Rahmen des Projekts werden lokale Initiativen identifiziert, die als Gesprächspartner oder Multiplikatoren dienen und in der Lage sind, langfristig Brücken zwischen den unterschiedlichen Konfliktparteien zu bauen.

Auf nationaler Ebene hat das Projekt zum Ziel, das Verständnis für die Relevanz von Insider Peacebuilders zu erhöhen, die als komplementäre Akteure im Gegensatz zu staatlichen Bemühungen in der Nachkriegsphase anzusehen sind. Auf regionaler Ebene wird das Projekt nationale Netzwerke dabei unterstützen, eine Plattform zum gegenseitigen Erfahrungsaustausch zwischen Insider Peacebuilders aufzubauen. Auf internationaler Ebene wird das Projekt zu einem besseren Verständnis von lokalen Initiativen beitragen und internationale Akteure dahingehend sensibilisieren, diese in den Aufbau von friedensfördernden Strukturen miteinzubeziehen.

Die Forschungsergebnisse werden über eine Reihe von unterschiedlichen Publikationen und Veranstaltungen verbreitet. Dies umfasst zum einen komparative Studien und zwei Sammelbände. Zum anderen organisieren wir politische Informationsveranstaltungen zu relevanten Themen und – in Zusammenarbeit mit dem Nathanson Centre on Transnational Human Rights, Crime and Security, Toronto – eine internationale Konferenz.

Im Rahmen der Aktionsforschung wird das Projekt dazu beitragen, Kontakte mit staatlichen Think Tanks und regionalen Kooperationsinitiativen herzustellen, um politische Entscheidungsprozesse auf regionaler Ebene zu beeinflussen und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Süd- und Südostasien zusammenzubringen. Dadurch wollen wir ein süd-/südostasiatisches Kooperationsnetzwerk zur Förderung potentieller Insider Mediators, Gesprächspartner und „Brückenbauer“ aufbauen.

Regionaler Schwerpunkt

Projektschwerpunkte liegen in Süd- und Südostasien: Nepal, Aceh/Indonesien, Myanmar (Birma) und Sri Lanka.

Partner

Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit Research and Education for Peace Unit, Universiti Sains Malaysia (REPUSM) und der University of Windsor durchgeführt.

Förderung

Es wird vom kanadischen International Development Research Centre finanziert.

April 2015 – Forschungsworkshop in Banda Aceh (Nanggroe Aceh Darussalam/Indonesien)

Der vierte wissenschaftliche Workshop fand vom 12. bis 16. April 2015, in Banda Aceh statt. Schwerpunkt war der strukturelle Wandel in Aceh seit dem Abkommen sowie die Rolle von Zivilgesellschaft und internen Friedensstiftern, insbesondere von Frauen.

Mai 2014: Forschungsworkshop in Rangun, Myanmar (Birma)

Das Seminar „Challenges of Transition from War to Peace“ brachte unser Forschungsteam und weitere Expertinnen und Experten am 30. und 31. Mai 2014 in Yangon zusammen. Schwerpunkt war die Fallstudie Myanmar. Im Besonderen ging es um Regierungsführung und Regierungsakteure im Transitionsprozess. Die Beteiligten betonten den hohen Stellenwert von Genderfragen, die Problematik von Straflosigkeit („Impunity“) und die Bedeutung des Zugangs zur Justiz. Des Weiteren wurden für alle vier Fallstudienländer Insider/Outsider Dynamiken analysiert. Insgesamt nahmen 63 Vertreterinnen und Vertreter von nationalen und internationalen zivilgesellschaftlichen Organisationen und nicht-staatlichen Gruppen teil. Gastgeber war die Gender and Development Initiative-Myanmar.

Oktober 2013: Forschungsworkshop in Penang, Malaysia

Der zweite Workshop fand vom 25. bis 28. Oktober 2013 in Penang statt. Schlüsselkonzepte und erste Ergebnisse der Fallbeispiele sowie die Zielsetzungen und Strategie des Projekts waren die Hauptthemen des Workshops.

Januar 2013: Workshop zum Projektstart in Berlin

Zum Auftakt des Projekts fand am 28. und 29. Januar 2013 ein Workshop in Berlin statt. Dabei wurden grundlegende Aspekte des Projekts besprochen, einschließlich der Forschungsschwerpunkte und ‑fragen, der Terminologie und der Fallstudien; darüber hinaus wurde ein gemeinsamer Arbeitsplan festgelegt.

Die Projektergebnisse werden in Form von komparativen Studien und zwei Sammelbänden – einem zu alternativen Formen der Regierungsführung in den vier ausgewählten Ländern und einem zu Insider Peacebuilders publiziert.

  • Ashley Pritchard: A Wolf in Sheep’s Clothing. “Post-Junta” Judicial Reform in Myanmar (2010 – 2015). 2017. PDF >