Konfliktsensitive Flüchtlingsarbeit: Begleitung, Qualifizierung und Ermutigung von Freiwilligen

Angesichts der steigenden Flüchtlingszahlen in Deutschland engagieren sich viele Menschen zivilgesellschaftlich und ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit. Dieses Engagement gilt es nicht nur wertzuschätzen, sondern es muss systematisch ermutigt, begleitet und qualifiziert werden. Für eine langfristig angelegte, reflektierte und konfliktsensitive Flüchtlingsarbeit ist es dabei von großer Bedeutung, dass Freiwillige und Ehrenamtliche über Fähigkeiten im konstruktiven Umgang mit Konflikten im interkulturellen Kontext verfügen.

Das Projekt bietet den in der Flüchtlingsarbeit engagierten Gruppen aus Baden-Württemberg die Möglichkeit, die dafür notwendigen Grundfähigkeiten und das damit verbundenen Wissen im Rahmen von eintägigen Workshops zu erwerben. Darüber hinaus werden gemeinsam Merkmale gelungener Flüchtlingsarbeit erarbeitet, entsprechende Beispielprojekte in Baden-Württemberg ausgewählt und in Form einer öffentlichkeitswirksamen und inspirierenden Posterausstellung dargestellt. Regelmäßige Treffen aller beteiligten Gruppen im Georg Zundel Haus der Berghof Foundation in Tübingen dienen schließlich der Vernetzung, dem Erfahrungsaustausch und der gegenseitigen Ermutigung der Teilnehmenden, ihr Engagement für Geflüchtete und Asylsuchende fortzuführen.

Das von der Baden-Württemberg Stiftung geförderte Projekt richtet sich an Menschen die ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit in Baden-Württemberg engagiert sind.

Laufzeit

2015 - 2017

Flyer Konfliktsensitive Flüchtlingsarbeit

Flyer Workshopangebot für Ehrenamtliche

Die Bereitschaft in der Zivilgesellschaft, sich für Geflüchtete und Asylsuchende in Deutschland zu engagieren, ist groß. Laut einer Studie des Berliner Instituts für empirische Migrations- und Integrationsforschung von 2014 liegt der Einsatz für Geflüchtete und Asylsuchende weit über dem Durchschnitt allgemeinen freiwilligen Engagements. So gibt es unter den Engagierten eine hohe Bereitschaft, spontan und ohne große Unterstützung aktiv zu werden. Dabei übernehmen Ehrenamtliche häufig essentielle Aufgaben, die oft auch durch strukturelle Mängel entstehen. Gerade diese Mängel tragen wesentlich dazu bei, dass es auf verschiedenen Ebenen zu Missverständnissen und Spannungen kommt; zwischen Geflüchteten und Hauptamtlichen bzw. Behörden, zwischen Geflüchteten und Ehrenamtlichen, aber auch unter Geflüchteten. Freiwillige sehen sich entsprechend häufig ad-hoc vor die Aufgabe gestellt, vermittelnd tätig zu werden, Missverständnisse zu klären, Spannungen abzubauen und Konflikte zu deeskalieren.

Weiterhin wird die bemerkenswerte Hilfsbereitschaft in weiten Teilen der Bevölkerung nicht nur aktuell, sondern vor allem auch mittel- und langfristig auf eine Bewährungsprobe gestellt; nicht zuletzt, da viele Ankommende auf lange Sicht nicht in ihre Heimat zurückkehren können oder wollen. Es wird sich zeigen, ob sich die spontan gewachsenen Strukturen dementsprechend verstetigen und die so gewachsenen Projekte und Organisationen für die Engagierten weiterhin tragbar sein werden.

Das Projekt macht es sich zur Aufgabe, diese engagierten Freiwilligen und Ehrenamtlichen professionell zu begleiten. Schließlich trägt es dazu bei, Konflikte rechtzeitig zu bewältigen, sich gegenseitig zu unterstützen und gemeinsam mit den Geflüchtete die geleistete Zusammenarbeit sichtbar zu machen.

Die Begriffe ehrenamtliches, freiwilliges, bürgerschaftliches oder zivilgesellschaftliches Engagement sind nicht klar voneinander abzugrenzen und werden im Rahmen des Projekts gleichbedeutend verwendet.

Ansatz

Das Projekt fördert mittels friedenspädagogischer Methoden den konstruktiven Umgang der Freiwilligen mit Konflikten im interkulturellen Kontext. In partizipatorisch sowie dialogorientierten Workshops werden gezielt Grundwissen und Fähigkeiten des Konfliktmanagements der Teilnehmenden geschult.

Basierend auf Ansätzen des biografischen Lernens regt das Projekt zudem die visuelle Aufbereitung und Dokumentation von gelungenen Beispielen der Flüchtlingsarbeit in Baden-Württemberg an. Indem die beteiligten Gruppen ihre jeweiligen Projektaktivitäten in Form von Postern porträtieren und gemeinsam erste Ausstellungskonzepte erarbeiten, erfahren sie Inspiration und Ermutigung.

Ziele und Ergebnisse

Ziel des Projekts ist die professionelle Begleitung, Qualifizierung und Ermutigung von Menschen, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren. In 40 eintägigen Qualifizierungskursen erwerben die Teilnehmenden Kenntnisse und Fähigkeiten für den konstruktiven Umgang mit interkulturellen Konflikten, sie erweitern ihre Dialogfähigkeit und verstehen die Relevanz konfliktsensitiver Flüchtlingsarbeit.

Darüber hinaus erfahren sie Wertschätzung für ihr Engagement indem sie gelungene Beispiele ihrer Flüchtlingsarbeit mit Hilfe einer Ausstellung landesweit sichtbar machen. Während gemeinsamer Treffen im Georg Zundel Haus der Berghof Foundation in Tübingen tauschen die Teilnehmenden ihre Erfahrungen aus, vernetzen sich und ermutigen sich schließlich gegenseitig darin, ihr Engagement für Geflüchtete und Asylsuchende fortzuführen.

Ein auf die Bedürfnisse der Zielgruppe zugeschnittenes Workshop-Angebot im Bereich der konstruktiven Konfliktbearbeitung ist bisher einmalig und die Nachfrage seitens der Zielgruppe bereits zu Projektbeginn entsprechend hoch.

Schlüsselakteure

Schlüsselakteure des Projekts sind Gruppen von freiwillig und ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit in Baden-Württemberg engagierten Personen verschiedener Altersgruppen, Profession und Herkunft. Unter den Teilnehmenden sind auch engagierte Geflüchtete und Asylsuchende.

Regionen

Die Reichweite des Projekts ist zunächst auf das Bundesland Baden-Württemberg beschränkt. Die Erfahrungen aus dem Projekt könnten auch für andere Regionen und Bundesländer von Interesse sein.

Partner

Unser lokaler Partner ist das Asylzentrum Tübingen e.V.

Förderer

Das Projekt wird von der Baden-Württemberg Stiftung in Kooperation mit dem Ministerium für Integration Baden-Württemberg im Rahmen des Programms "Willkommen in Baden-Württemberg! Engagiert für Flüchtlinge und Asylsuchende" gefördert.

April 2016 - Erprobung des Workshopkonzepts

Soll der Integrationspate Paul seinem syrischen Freund Halim Geld geben, damit dieser seine Familie nach Deutschland holen kann? Diese und ähnlich herausfordernde und konfliktträchtige Situationen diskutierten die Teilnehmenden mehrerer eintägiger Workshops zu "Konfliktsensitiver Flüchtlingsarbeit".

Im April 2016 wurde das Workshopkonzept erstmals in Stuttgart und Tübingen erprobt. Zu den Teilnehmenden zählten neben Gruppen von geflüchteten und ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit engagierten Menschen auch Koordinierende der Diakonie Baden-Württemberg. In verschiedenen Modulen erarbeiteten sie gemeinsam Handlungsoptionen zum gelingenden Umgang mit Konflikten, reflektierten ihre persönliche Haltung und tauschten sich über praktische Fragen der Flüchtlingsarbeit aus. Einer der Teilnehmenden resümiert: "Für meine Rolle im Freundeskreis Asyl konnte ich persönlich einiges an Hilfreichem und Nachdenkenswertem mit nach Hause nehmen."

Auf Anfrage hin bietet das Programm Friedenpädagogik & Globales Lernen der Berghof Foundation den Workshop-Tag ab Juni 2016 ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit in Baden-Württemberg engagierten Menschen an.

Januar 2016 - Projektauftakttreffen „Konfliktsensitive Flüchtlingsarbeit“

Engagierte Personen aus der Flüchtlingsarbeit im Landkreis Tübingen nahmen am 19. Januar 2016 am Auftakttreffen des Projekts "Konfliktsensitive Flüchtlingsarbeit: Begleitung, Qualifizierung und Ermutigung von Freiwilligen" im Georg Zundel Haus der Berghof Foundation teil.

Einleitend wurde das Projekt von Uli Jäger, Leiter des Programms "Friedenspädagogik und Globales Lernen" der Berghof Foundation und Dagmar Nolden, Projektmanagerin im Programm, vorgestellt. Im Anschluss diskutierten alle Beteiligten den Konzeptentwurf eines Workshops zu "Konfliktsensitiver Flüchtlingsarbeit" für ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit Engagierte. Dabei erörterten sie Herausforderungen in der haupt- und ehrenamtlichen Arbeit mit Geflüchteten, identifizierten konfliktträchtige Themen und tauschten sich über ihre Erfahrungen aus. Zudem sprachen sie sich dafür aus, Flüchtlingsarbeit verstärkt als Friedensarbeit zu denken. Abschließend wurden Lernmedien vorgestellt die von der Berghof Foundation zum Thema Flucht und Krieg erstellt wurden.

Die Teilnehmenden empfanden das Treffen als sehr gewinnbringend und vereinbarten, sich in einem halben Jahr erneut im Georg Zundel Haus zusammenzufinden.