Geschichte, Erinnerung und Identität

In unserer Arbeit zu „Geschichte, Erinnerung und Identität“ im georgisch-abchasischen und georgisch-südossetischen Konflikt treten junge und ältere Menschen aus allen drei Regionen in einen Dialog. Wir unterstützen unsere Partner darin, das „Schweigen über die Geschichte“, das viele Interaktionen über die Konfliktlinien hinweg charakterisiert, zu überwinden und das Leid, das Gewalt und Ungerechtigkeit auf allen Seiten verursacht hat, anzuerkennen. Unsere gemeinsame Arbeit trägt dazu bei, dass nachhaltige und vertrauensvolle Beziehungen zwischen zivilgesellschaftlichen Akteuren auf allen Seiten entstehen. Dies wirkt nachhaltig auf das gesamte System der Friedenskonsolidierung.

In diesen Dialogprozessen tauschen die Teilnehmenden in einem streng biographischen Modus Geschichten über ihre eigenen Erlebnisse aus. Sie hören unterschiedliche Stimmen und teilen verschiedene Erfahrungen. Indem das Leid gehört wird und die Verluste der anderen Seite anerkannt werden, wird ein Schritt zur Versöhnung hin möglich.

Einzelprojekte

Through History Dialogue to Future Cooperation, 2015-2017
Stories Matter: Intergenerational Abkhaz Dialogue, 2014
From Trialogue to Dialogue, 2012–2014

Laufzeit

2012–2017

Zum Weiterlesen: Die Arbeit von Dan Bar-On

Die Praxis der Aussöhnung >

Konfliktlage

Die Konflikte zwischen Georgien und Abchasien sowie Georgien und Südossetien datieren bis in vorsowjetische Zeiten zurück und eskalierten mehrfach in den frühen 1990er Jahren sowie 2008. Historische Narrative spielten eine zentrale Rolle in der Gewalteskalation, da sie benutzt wurden, um unterschiedliche Territorialansprüche zu rechtfertigen. In Nachkriegszeiten werden individuelle Erinnerungen ebenso wie offizielle Opfer- und Heldennarrative besonders wichtig für die Kriegserinnerung auf allen Seiten. Diese Narrative führen häufig dazu, dass sich junge Generationen für die Taten ihrer Vorväter verantwortlich fühlen oder dass sie meinen, deren heroischen Vorbildern entsprechen zu müssen.

Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten, die vor und während der Kriege auf allen Seiten verübt wurden, sind bislang selten Gegenstand von friedenskonsolidierenden Aktivitäten in der Region und stehen offenen und konstruktiven Begegnungen häufig im Weg. Gründe sind die Ängste, alte Wunden anzurühren und die Fehler der eigenen Seite zu benennen. So wird das „Schweigen über die Geschichte“ zu einem großen Hindernis für das gesamte System der Friedenskonsolidierung.

Ziele & Herangehensweisen

Geschichte, Erinnerung und Identität sind seit langem wichtige Aspekte unserer Arbeit in verschiedenen Regionen. Wir glauben, dass sie die Grundlage für zukünftige Kooperation und friedliches Zusammenleben unterschiedlicher Gesellschaften bilden. Sie können genutzt werden, um Konflikte weiter zu eskalieren oder um friedliche Beziehungen aufzubauen. Unser Ziel ist es, zivilgesellschaftliche Akteure darin zu ermutigen, Geschichten, die von friedlichen und toleranten Kontakten unter Nachbarn und ehemaligen Feinden handeln, zu sammeln und weiterzuverbreiten. Diese Geschichten dürfen jedoch nicht einseitig positive Erfahrungen des Zusammenlebens oder ausschließlich Gewalterfahrungen thematisieren. Sie müssen ausgewogene Darstellungen beinhalten, die verschiedene Aspekte der Erfahrung miteinander verbinden.

In unserer Arbeit mit Geschichte, Erinnerung und Identität gelten drei zentrale Prinzipien:

  • Wir betrachten individuelle Narrative, im Gegensatz zu kollektiven Narrativen, als zentral für unsere Arbeit. Der individuelle Zugang hilft uns dabei, Stereotype und Verallgemeinerungen zu überwinden. Deshalb bemühen wir uns um Geschichten, die von Verständnis für individuelle Situationen und Entscheidungen handeln. Im persönlichen Kontakt und in der Beschäftigung mit individuellen Narrativen, lösen sich Feindbilder auf und geben den Blick auf individuelle Bedürfnisse und Motivationen frei.
  • Opfer- und Heldennarrative sind zwei Seiten einer Medaille. Die Perspektive der Opfer auf der einen Seite bilden meist „weiße Flecken“ in den Darstellungen der Helden auf der Gegenseite. Im Austausch von Geschichten über Konfliktlinien hinweg bemühen wir uns, Menschen und Geschichten Gehör zu verschaffen, die in den offiziellen Diskursen nicht zu Wort kommen. Dabei kommt es darauf an, vielschichtige und komplexe Geschichten zu finden, die ein Gegengewicht zu den weit verbreiteten, vereinfachenden, offiziellen Narrativen bilden können.

  • Der monokommunale intergenerationelle Dialog ist ein wichtiger Beitrag zu kritischer Selbstreflexion. Die Zusammenarbeit und kritische Diskussion zwischen jüngeren und älteren Teilnehmenden auf jeder Seite ist von zentraler Bedeutung. Ältere Teilnehmer steuern ihre Erfahrung zu den Diskussionen bei, jüngere hinterfragen dominante Narrative und teilen ihre Sicht auf die historischen Ereignisse mit. In einer guten inhaltlichen Diskussion können beide Generationen neue Einblicke gewinnen. Dieser Arbeitsmodus bereitet alle Seiten auf ihre Beteiligung an einer Diskussion biographischer und historischer Themen über Konfliktlinien hinweg vor.

Ergebnisse

Die Arbeit zu Geschichte, Erinnerung und Identität hat seit 2012 vielfältige Ergebnisse hervorgebracht. In Abchasien wurde im Sommer 2015 der „Biographische Salon“ als Dialograum zu Geschichte und Kriegserinnerung eröffnet. In regelmäßigen Abendveranstaltungen werden Kriegserinnerungen der unterschiedlichsten Akteure und Zeitzeugen kontrovers diskutiert.

Durch die Teilnahme an unseren Projekten und seinen Reflexionsprozessen haben die jungen Teams ihr Bewusstsein geschärft und neues Wissen über die Zusammenhänge zwischen historischem und biographischem Wissen und deren Nutzungsmöglichkeiten in der Versöhnungsarbeit erworben. In allen drei Gesellschaften nehmen ältere und jüngere Teilnehmende am intergenerationellen, selbstkritischen Dialog teil. Dominante Narrative werden hinterfragt und neue Sichtweisen werden gehört und diskutiert. Im „Trialog“ haben Teilnehmende aus allen drei Regionen ihre unterschiedlichen Sichtweisen zu historischen und biographischen Narrativen ausgetauscht. Dabei konnte auch den Sichtweisen der Anderen Wertschätzungent entgegengebracht werden. Wichtige zivilgesellschaftliche Akteure aus allen drei Regionen haben sich zu eiem nachhaltigen Austausch vernetzt. Eine Wanderausstellung über historische Narrative und das Projekt trägt zur Schärfung eines öffentlichen Bewusstseins bei. Ziel ist es, in den beteiligten Gesellschaften Interesse an den Möglichkeiten für einen friedensfördernden Umgang mit Kriegserinnerungen zu wecken.

Partner

Unsere wichtigsten Partner sind:

  • World Without Violence NGO, Suchum/i
  • Movement of Abkhaz Mothers for Peace and Development
  • Agency for Social & Economic & Cultural Development, Zchinwal/i
  • South Ossetia Union of Ex-combatants, Zchinwal/i
  • Memory, Zchinwal/i
  • International Center on Conflict and Negotiation, Tbilisi
  • Regional Development Support Society, Tbilisi
  • Peace Development Center, Tblisi
  • Young Facilitators Group – Abkhaz Section
  • Young Facilitators Group – Georgian Section
  • Young Facilitators Group – South Ossetian Section
  • PAX (ehemals IKV Pax Christi), Utrecht

Förderung

Unsere wichtigsten Mittelgeber sind:

  • Confidence Building Early Response Mechanism (COBERM). COBERM wird von der Europäischen Union getragen und vom UNDP-Entwicklungsprogramm verwaltet.
  • Auswärtiges Amt

Der Biographische Salon – Begegnungsort und Veranstaltungsformat

Im Sommer 2015 wurde in Suchum/i, der Hauptstadt Abchasiens der „Biographische Salon“ eröffnet. Im Zentrum dieses Begegnungsraums stehen historisches Gedenken und lebendige Geschichte(n) aller Menschen in Abchasien. In regelmäßigen Abendveranstaltungen werden Kriegserinnerungen der unterschiedlichsten Akteure kontrovers diskutiert. Bei jeder Veranstaltung ist ein Zeitzeuge oder eine Zeitzeugin zu Gast, die aus ihren Erfahrungen berichten. Die Veranstaltung wird von einem Mitglied der Young Insider Facilitators Group moderiert. News >

Im Salon kommen insbesondere Aspekte und Akteure zu Wort, die nicht in den Geschichtsbüchern stehen und denen im offiziellen Kriegsgedenken nicht viel Raum gegeben wird. In den Diskussionen ist Raum zum Nachfragen und zur kritischen Reflexion. Im weiteren Verlauf des Projektes sind auch in Südossetien und Georgien derartige Veranstaltungen geplant.

Erweiterter Austausch - Gäste aus Georgien im Biographischen Salon >

Hochrangiger, diplomatischer Besuch beim Biographischen Salon >

Geschichtstrialog in Jerewan, Armenien

Ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit zu Geschichte und Erinnerung ist das Trialogformat. Dabei treffen sich Akteure des Kriegsgedenkens aus Südossetien, Abchasien und Georgien in Jerewan, Armenien. Junge Leute und ältere Zeitzeugen, nehmen gemeinsam an den Treffen teil. Während der viertägigen Begegnung werden Kriegserinnerungen aus allen drei Regionen und Bergkarabach diskutiert. Der individuelle Arbeitsansatz fördert gegenseitige Offenheit sowie einen sensiblen und vertrauensvollen Umgang miteinander. Trotz des schwierigen Themas zeigt sich in den Diskussionen die Bereitschaft auf allen drei Seiten, sich gegenseitig zuzuhören, Verständnis aufzubringen und Themen, die für die andere Seite schmerzhaft sind, als solche anzuerkennen. Im Rahmen des Projektes „Through History Dialogue to Future Cooperation“ finden zweimal jährlich Trialogtreffen statt.

Der erste TRIALOG fand vom 12. bis 15. April 2014 statt. Resultate wurden im Berghof Dialogue Diary festgehalten.

Workshops und Diskussionsrunden zu Geschichte und Erinnerung – vor Ort

Mit unseren Partnerorganisationen in Georgien und Abchasien veranstalten wir regelmäßige Diskussionsrunden und Workshops zur Kriegsgeschichte. Als Teil des Projektes „Through History Dialogue to Future Cooperation“ werden in altersgemischten Gruppen eigene Lebensgeschichten und Kriegserinnerungen geteilt und diskutiert. Dabei arbeiten wir bewusst in ländlichen Regionen, grenznahen Gebieten und IDP-Siedlungen. Ziel ist es, Menschen und Geschichten aus allen Regionen Gehör zu verschaffen, auch wenn diese in offiziellen Diskursen nicht zu Wort kommen. Im intergenerationellen Dialog kommen Jung und Alt miteinander ins Gespräch. Ältere Teilnehmende steuern ihre Lebenserfahrung bei. Jüngere Teilnehmer hinterfragen dominante Narrative und teilen ihre Sicht der historischen Ereignisse mit. Zur Vertiefung und weiteren Verbreitung der Diskussionen führt das Berghof Team regelmäßig eintägige Workshops durch, die Raum für weiterführende Diskussionen bieten.

Ihren Ausgang nahm diese Dialogarbeit vor Ort im Projekt „Stories matter“: von Februar bis Juli 2014 fanden über 20 Diskussionsrunden statt. Sie wurden von unseren jungen Teams (Young Insider Facilitators) in Zusammenarbeit erfahrenen Trainerinnen facilitiert. Organisator der Veranstaltungen war die Bewegung der Mütter Abchasiens. Eine besondere Zielgruppe dieser Arbeit sind Angehörige der Gefallenen, die in der „Bewegung der Mütter Abchasiens“ organisiert sind. So war es ein wichtiges Anliegen des Projekts, ihre Bestrebungen der Trauerarbeit und Traumbewältigung zu unterstützen.

„Stories Matter“-Interview-Trainings in Sukhum/i und Tkvarchal

Um die lokalen Diskussionsrunden in Gang zu bringen und neue Interviews zu gewinnen, führten wir zwei Workshops mit jungen Leuten und Lehrern durch, die sich unserem Prozess des Sammelns und Diskutierens von Lebensgeschichten anschließen wollen.


Erstmals konnten wir auch außerhalb der abchasischen Hauptstadt, Suchum/i, in Tkvarchal arbeiten. Wir waren beeindruckt davon, wie offen und kompetent über alle Aspekte der abchasischen Kriegsgeschichte gesprochen und nach neuen Wegen der Erinnerung gesucht wurde.

„Their Stories“-Workshops

23. bis 26. Mai 2013, Suchum/i, Abchasien, für abchasische Teilnehmende
19. bis 22. September 2013, Tbilisi, Georgien, für georgische Teilnehmende
25. bis 28. Oktober 2013, Suchum/i, Abchasien, für südossetische Teilnehmende

Während dieser Workshops diskutierten ältere und jüngere Teilnehmende Interview-Sequenzen. Über die Konfliktlinien hinweg teilten und analysierten sie Erzählungen. In einigen Geschichten wurde der Beginn der Gewalt in den späten 1980er Jahren thematisiert, andere beschäftigten sich mit den Erfahrungen von Flüchtlingen im Jahr 2008. Zentrale Fragen waren: Wie wird in unserer Gesellschaft und in „der anderen“ Gesellschaft an den Krieg erinnert? Wie gehen wir mit Verantwortung um? Welche Geschichten möchten wir über die Konfliktlinie hinweg mitteilen, um eine friedliche Zukunft zu schaffen?

Die Workshops wurden von Andrea Zemskov-Züge und Oliver Wolleh durchgeführt und teilweise von Cinta Depondt mitgestaltet.

„Our Stories“-Workshops

28. Februar bis 3. März 2013, Suchum/i, Abchasien, für abchasische Teilnehmende
7. bis 10. März 2013, Tbilisi, Georgien, für georgische Teilnehmende
18. bis 21 April 2013, Wladikawkas, Russland, für südossetische Teilnehmende

Während dieser Workshops arbeiteten jüngere und ältere Teilnehmende biographisch. In sogenannten History Boxes sammelten sie Gegenstände und Geschichten, die wichtig für ihre eigenen Lebensläufe waren, um so ihre Erfahrungen miteinander zu teilen. Bei Spaziergängen zeigten sie einander Orte, die von Bedeutung für ihre Leben waren. Die Folgen von Konflikt, Gewalt und Vertreibung aber auch von Friedensaktivismus für das eigene Leben wurden diskutiert und Verbindungen zwischen kollektiver und individueller Geschichte reflektiert.

Die Workshops wurden von Andrea Zemskov-Züge und Oliver Wolleh durchgeführt und teilweise von Cinta Depondt mitgestaltet.

„Remembering for Trialogue“

Seminar für Young Facilitators aus Südossetien, Abchasien und Georgien
Vanadzor, Armenien, 14. bis 18. November 2012

In diesem Seminar lernten angehende Young Facilitators Methoden und Theorien der Biographiearbeit zu Konfliktgeschichte kennen. Sie übten die Aufzeichnung narrativer biographischer Interviews und beschäftigten sich mit den Auswirkungen, die offizielle und individuelle Erinnerung auf die Eskalation von Konflikten, auf De-Eskalation und Versöhnungsarbeit haben kann. Während der Arbeit in Kleingruppen teilten sie eigene Erinnerungen und Erzählungen ihrer Familien über die Konflikte sowie über friedliches Zusammenleben.

Das Seminar wurde von Andrea Zemskov-Züge, Oliver Wolleh und Cinta Depondt durchgeführt.

  • History Dialogue between Georgians and Abkhaz: How Can Working with the Past Pave New Ways?” In: Politorbis No.60-2-2015, pp.23-29.
  • Dealing with the Past in the Georgian-Abkhaz Conflict. The Power of Narratives, Spaces and Rituals.” In: Austin, B. & Fischer, M. (Eds.): Transforming War-Related Identities. Individual and Social Approaches to Healing and Dealing with the Past. 2016. Berghof Handbook Dialogue Series No. 11, pp. 51-58.
  • Andrea Zemskov-Zuege: Erinnerung, Geschichtsbilder und zivile Konfliktbearbeitung – Ein Erfahrungsbericht zur Anwendung theoretischer Konzepte in der friedenspädagogischen Praxis. In: Sicherheit und Frieden, 3/2012, 164-170.
  • Andrea Zemskov-Zuege: Helden um jeden Preis. Leningrader Kriegsgeschichte(n). In: Osteuropa, 8-9/2011, 135-153.
  • Andrea Zemskov-Zuege: Narrating the Siege of Leningrad. Official and Unofficial Practices in the Memorialization of the 'Great Patriotic War'. In: Alf Lüdtke & Sebastian Jobs: Unsettling History, Archiving and Narrating in Historiography. Frankfurt/New York, 2010.