Formen informeller Governance in Nord- und Nordostafghanistan

Das Projekt untersucht Unterschiede in Form und Ausmaß von Korruption und wie sich diese Unterschiede in Regierungsleistungen („Governance-Outputs“) manifestieren. Vorhandene quantitative Untersuchungen weltweit zeigen diesbezüglich erhebliche regionale Unterschiede innerhalb eines Landes, können diese aber nicht zufriedenstellend erklären. Die bisherige Forschung hat es auch versäumt, den lokalen sozialen und politischen Kontext als Ursache für die beobachtete Variation adäquat zu berücksichtigen. In diesem Projekt beabsichtigen wir, Unterschiede in Form und Häufigkeit von Korruption auf der Ebene eines afghanischen Distrikts zu messen, zu beschreiben und zu erklären. Wir verwenden hierfür einen methodischen Ansatz, in dem sowohl qualitative als auch quantitative Techniken zum Einsatz kommen.

Unserer Vermutung nach entstehen die oben genannten Differenzen durch unterschiedliche Konstellationen von informellen lokalen Institutionen. Von besonderer Bedeutung ist hierbei die spezifische Ausprägung der Patronage sowie die Qualität und Funktionalität von den Graswurzel-Sektor repräsentierenden Entwicklungsräten („CDC-Shuras“). Da das Augenmerk des Projekts nicht auf offiziellen (staatlichen) Strukturen, sondern auf informellen, nichtstaatlichen Institutionen liegt, trägt das Projekt auch zur gegenwärtigen Diskussion über die unkritische Übernahme von OECD-basierten Modellen zu Korruptionsbekämpfung und Governance-Aufbau in fragilen Staaten bei. Es sucht Antworten auf die zentrale Frage, wie Korruption in Konflikt- und Post-Konflikt-Kontexten bekämpft werden kann, ohne einen noch zerbrechlichen Friedensprozess zu gefährden.

Laufzeit

2014 – 2016

Konfliktlage

Neue Forschungen zeigen, dass die Empfehlungen der durch „Good-Governance-Konzepte“ inspirierten Anti-Korruptionsliteratur, die unter anderem auf technische Lösungen, Verfahren und Ethik-Trainings setzt, im Kontext schwacher und fragiler Staaten unrealistisch sind. Anstatt die Anti-Korruptionssysteme fragiler Gebiete nach dem Muster moderner „westlicher“ Staaten aufzubauen – wie es „Good-Governance-Ansätze“ letztlich vorsehen –, setzt man sich bescheidenere Ziele. Der entstehende Konsens in der Fachliteratur präferiert zunehmend indirekte, inkrementelle Verbesserungen, etwa durch Stärkung und Kapazitätsaufbau der Zivilgesellschaft und entsprechender staatlicher Institutionen.

Diese generellen Beobachtungen gelten auch für Afghanistan. Kritische Evaluierungen des stockenden Staatsaufbauprozesses gegen Ende des vergangenen Jahrzehnts identifizierten Korruption als eine der wichtigsten Ursachen für den ausbleibenden Fortschritt. Die Obama-Administration reagierte auf diese Analysen 2009 mit einer Anti-Korruptionskampagne, die jedoch schnell zur bloßen Rhetorik degenerierte, als sich erwies, dass die effektiven Anti-Korruptionsmaßnahmen im afghanischen Kontext politisch nicht durchsetzbar sind. Ungeachtet der internationalen Bemühungen um Eindämmung der Korruption, die zudem bald aufgegeben wurden, erschwert verbreitete Korruption weiterhin die Stabilisierung des Landes: Sie mindert die Qualität von Entwicklungsmaßnahmen und staatlichen Dienstleistungen an die Bevölkerung. Letztlich untergräbt sie die Legitimität des afghanischen Staates und stärkt somit die Aufständischen.

Ansatz

Das Projekt nutzt eine Kombination aus qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden. Die zentrale Frage, die wir mit diesem Forschungsdesign beantworten wollen, ist: Welche regionalen, lokalen und politischen Faktoren machen Korruption weniger erpresserisch, weniger schädlich und letztlich – aus Sicht der Bevölkerung – akzeptabler, also weniger illegitim.

Wir betrachten dabei Patronage und das System der „Entwicklungs-Shuras“ als unabhängige Variablen, die Formen/Ausprägung und Häufigkeit von Korruption als „Mediator-Variable“ und „Governance-Output“ als die „abhängige Variable“. Eine Reihe von intervenierenden Variablen wird ebenfalls in die Betrachtung miteinbezogen. Die zwei unabhängigen Variablen (Patronage und der „Shura-Komplex“) wirken sowohl direkt als auch indirekt auf die abhängige Variable „Governance-Output“.

Ziele & Ergebnisse

Dieses Forschungsvorhaben soll zur Diskussion beitragen, wie Korruption in Konfliktstaaten bekämpft werden soll. Anders als üblich stehen im Zentrum unserer Analyse weder die Maßnahmen von internationalen Akteuren noch die des (afghanischen) Zentralstaats. Stattdessen betrachten wir lokale formale und informelle Arrangements, welche Korruption und ihre negative Wirkung auf die Gesellschaft verstärken oder schwächen können. Informelle Netzwerke sind besonders in nach innen schwachen Staaten für die Übergangsphasen von Krieg zu Frieden von großer Bedeutung. Durch unsere Forschung erhoffen wir uns hier neue Einblicke in die funktionale Einflussnahme solcher Netzwerke in Konflikttransformationsprozessen. Unser Ausgangspunkt ist die Frage nach regionalen Differenzen bezüglich des Ausmaßes und der Häufigkeit von Korruption. Durch die Untersuchung dieser Differenzen erhoffen wir uns Erkenntnisse über die lokalen sozialen und politischen Faktoren, die die Ausprägung und Schädlichkeit von Korruption beeinflussen.

Uns geht es vor allem darum, ein besseres Verständnis über die lokalen und regionalen Faktoren zu gewinnen, die die negativen, disruptiven Effekte von Korruption in einem fragilen oder Konfliktstaatenkontext mindern. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen zum Entwurf von Strategien beitragen, die auf lokale Kapazitäten setzen, um die zerstörerischen Wirkungen von Korruption zu bekämpfen. Diese sind in einem fragilen Kontext erfolgversprechender als die bei formalen staatlichen Maßnahmen ansetzenden Politiken.

Regionen

Unsere Forschung konzentriert sich auf Nordostafghanistan.

Partner

Unsere wichtigsten Kooperationspartner sind:

  • Beatriz Magaloni von der Stanford University (Department of Political Science and Senior Fellow at the Freeman Spogli Institute for International Studies)

Unser Partner in Afghanistan ist die Afghan Human Rights Research and Advocacy Organization (AHRRAO), Think Tank und NGO aus Masar-e Scharif.

Förderung

Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert.

  • Veronique Dudouet, Hans J. Giessmann & Katrin Planta (Eds.). Post-War Security Transitions: Participatory Peacebuilding after Asymmetric Conflicts. 2012. London: Routledge. Book >
  • Hans J. Giessmann & Oliver Wils: Seeking Compromise? Mediation Through the Eyes of Conflict Parties. In: Beatrix Austin, Martina Fischer & Hans J. Giessmann (Eds.). Advancing Conflict Transformation. The Berghof Handbook II. 2011. Opladen/Farmington Hills: Barbara Budrich Publishers, 183-206. Handbook Article. PDF/Hardcopy >
  • Hans J. Giessmann: Responsibility to Protect in Territories under Disputed Rule. In: Margriet Drent, Arjan van den Assem & Jaap de Wilde (Eds.). NATO's Retirement? 2011. Greenwood Papers 26. Groningen: Centre for European Security Studies, 129-136.
  • Jan Koehler, Kristóf Gosztonyi & Jan Böhnke: Conflict and Stability in Afghanistan: Methodological Approaches. 2013. Stanford. Event Paper.
  • Kristóf Gosztonyi & Jan Koehler: Sub-district Governance. Social Engineering and Local Governance in North-east Afghanistan. In: Marcus Schaper (Hg.). Good Enough Governance. Wie kommt der Südsudan zu tragfähiger Staatlichkeit und funktionierender Verwaltung? 2011. Loccum: EAL, 39-64.
  • Véronique Dudouet, Hans J. Giessmann & Katrin Planta (Eds.): Post-War Security Transitions: Participatory Peacebuilding after Asymmetric Conflicts. 2012. London: Routledge. Book >
  • Hans J. Giessmann & Oliver Wils: Seeking Compromise? Mediation through the Eyes of Conflict Parties. 2011. Handbook Article. PDF >

  • Hans J. Giessmann: Responsibility to Protect in Territories under Disputed Rule. In: Margriet Drent, Arjan van den Assem & Jaap de Wilde (Eds.). NATO's Retirement? 2011. Greenwood Papers 26. Groningen: Centre for European Security Studies, 129-136. Link >
  • Jan Koehler, Kristóf Gosztonyi & Jan Böhnke: Conflict and Stability in Afghanistan: Methodological Approaches. 2013. Stanford. Event Paper. Link >
  • Kristóf Gosztonyi & Jan Koehler: Sub-district Governance. Social Engineering and Local Governance in North-east Afghanistan. In: Marcus Schaper (Hg.). Good Enough Governance. Wie kommt der Südsudan zu tragfähiger Staatlichkeit und funktionierender Verwaltung? 2011. Loccum: EAL, 39-64.