Friedliche Koexistenz? - „Traditionelle“ und „moderne“ Mechanismen der Konfliktbearbeitung

Die Debatte, ob Peacebuilding als Staatsaufbau “von oben” oder Transformationsprozess “von unten” konzipiert werden sollte, ist nicht neu. Dieses Projekt geht davon aus, dass „moderne“ oder staats-zentrierte Ansätze, die auf der Prämisse des liberalen Friedens basieren, nicht unbedingt die beste Lösung sind, um Konflikte zu beenden und langfristig Frieden zu schaffen. So haben traditionelle Mechanismen zur Konfliktbearbeitung fallweise einige Beachtung gefunden. Kaum untersucht ist bisher jedoch das Neben- und Miteinander dieser Mechanismen mit modernen Formen der Konfliktbearbeitung. Es bedarf weiterer Forschung zur Interaktion bzw. Koexistenz von traditionellen / gruppenorientierten und modernen / staatsbasierten Mechanismen der Konfliktbearbeitung: Welche Muster lassen sich feststellen? Führen diese Interaktionen in konfliktträchtigen Ländern zu einer Stärkung oder Schwächung von Peacebuilding-Ansätzen? Welche Effekte haben die unterschiedlichen Konfliktlösungsmechanismen und ihre Interaktion auf die menschliche Sicherheit betroffener Gemeinschaften?

Unser Projekt wird die Prinzipien, Charakteristiken und Methoden traditioneller und nicht-traditioneller Konfliktbearbeitung und ihre unterschiedlichen Interaktionsmuster untersuchen. Ein besseres Verständnis, warum und wie sich lokale Gemeinden in (Nach)Kriegsgesellschaften für den einen oder anderen Ansatz der Konfliktbearbeitung entscheiden (oder gleichzeitig für beide), hat das Potenzial, die Arbeit von lokalen und internationalen Friedensfachkräften zu stärken. Nachdem wir aus der vorhandenen Literatur Hypothesen zu den unterschiedlichen Interaktionsmustern erstellt haben, werden wir diese anhand empirischer Fallstudien in drei Ländern (Kolumbien, Liberia und Nordostindien) überprüfen.

Laufzeit

Januar 2015 –  Mai 2016  

Konfliktlage

In der heutigen globalisierten Welt haben sich einige “universelle” Normen und Rechte entwickelt, die auf dem Modell des Nationalstaats in Westfälischer Tradition aufbauen. Dies gilt auch für das Feld der Konfliktresolution, das hauptsächlich auf westlichen Vorstellungen und Konzepten zu Frieden und Konflikt basiert. In den letzten zwei Jahrzehnten haben sich internationale Maßnahmen zur Friedenssicherung und dem Aufbau staatlicher Strukturen zunehmend dem Konzept des “liberalen Friedens” verschrieben, welches Demokratisierung, Rechtsstaatlichkeit, Marktliberalisierung sowie die Unterstützung von Zivilgesellschaft und den Schutz von Menschenrechten beinhaltet. Wenig beachtet wurde dabei, dass von außen eingebrachte Ansätze in Konkurrenz oder sogar im Widerspruch zu traditionellen Formen der Konfliktbearbeitung stehen könnten, die in vielen Gesellschaften eine hohe Legitimität in Teilen der  lokalen Bevölkerung genießen. Im Fokus des Projekts stehen daher die Wechselwirkungen und gegenseitige Beeinflussung von traditionellen und modernen Ansätzen der Konfliktbearbeitung. Insbesondere in sogenannten „zerfallenden Staaten“ können solche Strukturen weitgehend unabhängig von zentralstaatlichem Einfluss agieren und Aufgaben übernehmen, zu denen der Staat schlicht nicht in der Lage ist.

Ansatz

Dieses Projekt kombiniert theoriegeleitete Forschung mit empirischen Daten aus drei Fallstudien. In einem ersten Schritt wird das Projekt einen theoretischen Analyserahmen erstellen und anhand der Fachliteratur Hypothesen entwickeln. In einem zweiten Schritt werden diese Hypothesen dann anhand des empirischen Materials überprüft und es wird der analytische Rahmen erweitert.

Bisher umfasst die Literatur zu traditionellen Mechanismen der Konfliktbearbeitung v.a. Beispiele aus spezifischen lokalen Kontexten, vor allem in Afrika und, in geringerem Ausmaß, in Asien. Die meisten dieser Fallstudien konzentrieren sich auf die Akteure, Methoden und Reichweite traditioneller Mechanismen an sich. Vernachlässigt wird dabei, inwiefern diese Mechanismen mit modernen Formen der Konfliktbearbeitung interagieren (können) und welche Möglichkeiten und Grenzen es gibt, die unterschiedlichen Systeme zu integrieren. Dieses Forschungsprojekt soll darüber hinaus bestehende Perspektiven anhand von Fallbeispielen aus unterschiedlichen regionalen Kontexten (Liberia, Kolumbien und Nordostindien) erweitern.

Ziele und Ergebnisse

Methodisch erstellen wir zunächst einen theoretischen Rahmen, um die Charakteristiken und Muster von Interaktion und Koexistenz zwischen traditionellen und modernen Mechanismen der Konfliktbearbeitung in diesen Ländern zu analysieren und deren Auswirkungen auf die menschliche Sicherheit zu ergründen. Ziel ist die wissenschaftliche Analyse von Interaktionsmustern zwischen modernen und traditionellen Mechanismen.

Dabei untersucht das Vorhaben auch, wie solche Interaktionsmuster zugunsten langfristiger Friedensschaffung beeinflusst werden können und formuliert dazu Politikempfehlungen. Die Ergebnisse werden für politische Entscheidungsträger von Interesse sein, aber auch für  Friedensfachkräfte, insbesondere wenn sie in traditionell geprägten Kontexten arbeiten. Letztendlich soll das Vorhaben auch einen theoretischen Beitrag zur Konflikttransformation leisten. Während externe Akteure sich immer mehr dafür aussprechen, „ownership“ und „Respekt für lokale Traditionen“ als integrale Arbeitsprinzipien zu verstehen, fehlt es noch an einem Verständnis der Wechselwirkungen zwischen eben jenen lokalen Traditionen und den zunehmend verbreiteten, „importierten“ Peacebuilding-Modellen. Dieses Projekt trägt dazu bei, diese Forschungslücke zu schließen.

Regionen

Kolumbien, Liberia und Nordostindien dienen als Fallstudien für unser Projekt.   

Wir arbeiten eng mit einem lokalen Forschungsteam des Malviya Centre for Peace Research (MCPR) an der Banaras Hindu University in Varanasi, Indien, zusammen, das von Dr. Anjoo Sharan und Dr. Priyankar Upadhyaya geleitet wird. Zusätzlich wird das Projekt von einem wissenschaftlichen Beirat begleitet, der sich aus thematischen und regionalen Experten aus Kolumbien, Großbritannien und Deutschland zusammensetzt.  

Das Projekt wird von der Deutschen Stiftung Friedensforschung (DSF) finanziert.

Die erste Projektphase diente dazu,  den analytischen Rahmen weiter auszuformulieren. Im Anschluss daran wurden im Juni und Juli die Feldforschungen in Nordostindien und Kolumbien durchgeführt. Die Feldforschungsphase für Liberia folgt im September 2015. mehr >

Die Ergebnisse aus den Fallbeispielen und erste Resultate aus der komparativen Analyse werden im Februar 2016 den Mitgliedern unseres wissenschaftlichen Beirats vorgestellt und mit ihnen diskutiert. Vorstellung der Projektergebnisse >

  • Janel B. Galvanek & Katrin Planta: Peaceful Coexistence? ‘Traditional’ and ‘Non-traditional’ Conflict Resolution Mechanisms. 2017. Research Report. PDF >
  • Katrin Planta: Interdependency and Interference: The Wayuu’s Normative System and State-based Conflict Resolution in Colombia. 2016. Colombia Case Study Report . PDF >
  • Katrin Planta: Interdependencia e interferencia. El sistema normativo de los wayuu y los mecanismos estatales de resolución de conflictos en Colombia. 2016. PDF >
  • Janel B. Galvanek: Pragmatism and Mistrust: The Interaction of Dispute Resolution Mechanisms in Liberia. 2016. Liberia Case Study Report. PDF >
  • Priyankar Upadhyaya and Anjoo Sharan Upadhyaya: Traditional Institutions of Dispute Resolution in India: Experiences from Khasi and Garo Hills in Meghalaya. 2016. India Case Study Report. PDF >