Innersunnitischer Dialog und Strategieentwicklung im Libanon

Angesichts einer drohenden Verschärfung sozialer Spannungen und zunehmender Radikalisierungstendenzen setzt dieses Projekt auf die Zusammenarbeit mit Schlüsselakteuren der sunnitischen Gemeinschaft im Libanon. Gemeinsam mit Dar al-Fatwa, der institutionellen Vertretung der sunnitischen Religionsgemeinschaft auf staatlicher Ebene, und einem breit aufgestellten Netzwerk einflussreicher sunnitischer Persönlichkeiten gilt es, Spannungen abzubauen und Strategien zu entwickeln um moderate Ansichten zu stärken. Ziel ist es, die Bemühungen wesentlicher Vertreter dieser Religionsgemeinschaft um religiöse Toleranz und inner-konfessionellen Dialog zu stärken.

Laufzeit

2015 – 2017

Konfliktlage

Externe Faktoren wie der Krieg in Syrien und Entwicklungen in der gesamten Region haben maßgeblich dazu beigetragen, dass sich Radikalisierungstendenzen im Libanon in den letzten Jahren verstärkt haben. Ultra-radikale Gruppen, wie die Jabhat al-Nusra und der sogenannte Islamische Staat, haben ihre Mobilisierungs- und Rekrutierungsbemühungen auch auf den Libanon ausgedehnt. Lokale Auseinandersetzungen zwischen Anhängern extremistischer Gruppierungen und Sicherheitskräften finden immer wieder statt und sind Ausdruck der angespannten gesellschaftlichen Beziehungen und der fragilen Sicherheitslage. Dies stellt eine direkte Bedrohung der politischen Stabilität und Gesellschaftsstruktur des Landes dar und verstärkt den Druck auf die libanesischen Institutionen. Aber auch innerstaatliche Faktoren tragen einen erheblichen Anteil an der Zunahme sozialer Spannungen und der jüngsten Radikalisierungsdynamik im Libanon. So sind strukturelle Schwächen des libanesischen Staates und politischen Systems sowie schwache Institutionen dafür verantwortlich, dass grundlegende Dienstleistungen sowie sicherheitsrelevante und rechtsstaatliche Funktionen den Bürgern und Bürgerinnen mitunter nicht bereitgestellt werden. Dazu kommen wachsende sozio-ökonomische Unterschiede, fehlende wirtschaftliche und gesellschaftliche Perspektiven für junge Leute sowie bestehende und sich vertiefende Spannungen zwischen verschiedenen Religionsgemeinschaften.

Radikalisierung ist keinesfalls  ein Phänomen, das sich auf bestimmte Gemeinschaften, Konfessionen oder Gruppen beschränkt. So waren an den jüngsten Auseinandersetzungen und gewaltsamen Eskalationen mancherorts auch radikale Gruppen von sunnitischer Seite her beteiligt. Gleichzeitig hat sich der Großmufti des Libanon, Sheikh Abd al-Latif Darian seit seiner Wahl im August 2014, wiederholt für mehr Zurückhaltung, für die Stärkung von Toleranz und religiösen Pluralismus ausgesprochen. Der wichtigsten religiösen Vertretung der Sunniten im Libanon, Dar al-Fawa, könnte bei der Entwicklung von Ansätzen und Strategien gegen Radikalisierung daher eine zentrale Rolle zukommen. Unter der Ägide von Dar al-Fatwa hätten diese Ansätze und Strategien das Potential, die sunnitisch-libanesische Gemeinschaft in der Breite zu erreichen und durch die Förderung inner-sunnitischer Dialoge, unterschiedliche Gruppierungen einzubinden, um die Fragmentierung moderater Stimmen zu überwinden und dem gewaltsamen Extremismus alternative Botschaften entgegenzusetzen.

Ansatz

Das Ziel unserer Aktivitäten ist es, Dar al-Fatwa sowie religiöse und sozial engagierte Persönlichkeiten innerhalb der sunnitischen Gemeinschaft dabei zu unterstützen, Strategien gegen religiöse Radikalisierung zu entwickeln, den inner-sunnitischen Dialog zu fördern und die entsprechenden Kapazitäten dafür zu schaffen.

Das Kooperationsprojekt basiert auf der Annahme, dass ein innersunnitischer Dialog, der ein breites Spektrum an sunnitischen Akteuren und Gruppierungen einbindet, eine wesentliche Voraussetzung dafür ist, dass Strategien gegen Radikalisierung innerhalb dieser Religionsgemeinschaft im Libanon entwickelt und umgesetzt werden können. Angesehene sunnitische Führungspersönlichkeiten, Institutionen und Aktivisten sollten die Spannungen und das Gefühl von Marginalisierung, das von Teilen der sunnitischen Gemeinschaft in der Region empfunden wird, thematisieren und angehen. Denn Bemühungen zur Stärkung von religiöser Toleranz, Stabilität und Pluralismus können nur dann auf Akzeptanz bei der Bevölkerung stoßen und wirksam sein, wenn sie gesellschaftlich verankert und aus der entsprechenden Gemeinschaft heraus initiiert und getragen werden.

Im Sinne einer auf Vertrauen, Transparenz und gegenseitigem Lernen beruhenden, effektiven Partnerschaft liegt die Umsetzung dieses Kooperationsprojekts daher federführend bei Dar al-Fatwa. Aufgrund unserer  Erfahrung mit inklusiven Dialogformaten und Mediationsunterstützung leistet die Berghof Foundation v.a. technische Unterstützung und Prozessbegleitung.

Das Projektteam besteht aus libanesischen und internationalen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in Beirut und Berlin und umfasst erfahrene libanesische Berater und Fazilitatoren. Auf diese Weise werden technische, sachbezogene und regionale Expertise in einem breit aufgestellten Team gebündelt.

Ziele & Ergebnisse

Um einem Erstarken von religiösem, insbesondere sunnitischem Extremismus im Libanon langfristig entgegenzuwirken, bedarf es der umfassenden Unterstützung durch die sunnitische Gemeinschaft, ihrer Führung und Institutionen. In erster Linie gilt es, die sunnitische Gemeinschaft darin zu stärken, die vielfältigen Ursachen für Radikalisierung zu identifizieren, Ansätze zu entwickeln, um diese effektiv anzugehen und so zu Stabilität, religiöser Toleranz und Pluralismus im Libanon beizutragen.

Dazu konzentriert sich das Projekt auf drei Aufgabenbereiche:

  • Unterstützung des innersunnitischen Dialogs, um die Ursachen für Radikalisierung zu identifizieren, zu einem gemeinsamen Verständnis darüber zu gelangen und diese effektiv anzugehen, Möglichkeiten zur Stärkung von religiöser Toleranz und Pluralismus zu entwickeln und denjenigen, die anfällig für gewaltsamen Extremismus sind, Alternativen aufzuzeigen.

  • Ausbau der Kapazitäten von Dar al-Fatwa, seiner Hauptinstitutionen und Partner, um Dar al-Fatwas Rolle als eine der führenden mäßigenden Stimmen zu stärken und als unterstützende Organisation und Wissenszentrum zu fungieren.

  • Entwicklung kohärenter Programme gegen Extremismus und lokale Gewalt. Aktivitäten in diesem Bereich umfassen unter anderem den Aufbau und die Unterstützung eines Netzwerks von Multiplikatoren, religiösen Autoritäten und einflussreichen Persönlichkeiten auf der lokalen Ebene, sowie inner-institutionelle und inner-gemeinschaftliche Reformbemühungen und eine verstärkte Zusammenarbeit mit anderen Regierungsinstitutionen und zivilgesellschaftlichen Organisationen.

Unsere Aktivitäten umfassen Runde Tische und Workshops zu Themen wie Ursachen für Radikalisierung, Förderung von Toleranz in religiösen Medien oder in der religiösen Erziehung. Kapazitätsaufbauende Maßnahmen umfassen die Bereiche Dialog-Fazilitation, Mediation, Kommunikation und (mediale) Öffentlichkeitsarbeit. Die strategiebildenden Aktivitäten wurden in enger Absprache mit Dar al-Fatwa konzipiert. Der Fokus liegt dabei auf interner Strategiebildung, der Entwicklung und Implementierung von Medien- und Kommunikationsstrategien, der Berücksichtigung von Ansätzen zur Förderung von Pluralismus und Toleranz in der religiöser Erziehung, der Stärkung und verbesserten Koordinierung im Bereich der sozialen Fürsorge durch Dar al-Fatwa und angegliederte Institutionen, sowie Gefangenenseelsorge.

Hauptakteure

Wir arbeiten mit folgenden zentralen Akteuren zusammen:

  • Dem Mufti der Republik Libanon und seinen Beratern, den Mitarbeitern, Mitarbeiterinnen sowie Vertretern von Dar al-Fatwa, seinen angegliederten Institutionen und Vertretungen auf lokaler Ebene.

  • einem inklusiven Netzwerk einflussreicher Vertreter der sunnitischen Gemeinschaft, darunter Imamen, religiösen Gelehrten, Lehrern und Gemeindevertretern.

Durch die Einbindung eines breiten Akteurs-Spektrums sollen die Projektaktivitäten der sunnitischen Gemeinschaft als Ganzes zu Gute kommen – und auch diejenigen Gruppen erreichen, die sich aufgrund politischer, sozialer und wirtschaftlicher Benachteiligung häufig als marginalisiert und ausgegrenzt wahrnehmen, wie z.B. libanesische Jugendliche oder (syrische oder palästinensische) Flüchtlingsgemeinden.

Regionen

Im Sommer 2015 wurde ein Projektbüro in Beirut eröffnet. Während viele Aktivitäten in Kooperation mit Dar al-Fatwa in Beirut stattfinden, werden zusätzlich auch Veranstaltungen in allen Landesteilen durchgeführt, darunter in Tripoli, Saida, Sur und der Bekaa-Ebene.

Partner

Im Rahmen des Projekts arbeiten wir v.a. mit Dar al-Fatwa zusammen. Zu einzelnen Aktivitäten kooperieren wir auch mit anderen libanesischen sozialen, gemeinnützigen und dialog-orientierten Organisationen und angesehenen sunnitischen Führungspersönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft zusammen. Darüber hinaus unterstützen wir Möglichkeiten zum Austausch und der Zusammenarbeit mit Regierungsinstitutionen und internationalen Organisationen, die in verwandten thematischen Bereichen im Libanon tätig sind.

Förderer

Unsere Aktivitäten werden vom Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland und dem Instrument contributing to Stability and Peace (IcSP) der Europäischen Union (EU) finanziert.