Hintergrund

Das Berghof Handbook for Conflict Transformation ist eine englisch-sprachige, webgestützte Publikationsplattform. Es widmet sich den Erfolgsbedingungen der Transformation von gewaltvollen ethnopolitischen Konflikten und macht Forscherinnen und Praktikern sowohl den aktuellen Forschungsstand als auch Erfahrungen und Erkenntnisse aus der praktischen Arbeit zugänglich.

Online bietet das Handbook die Artikel führender Fachleute zu relevanten Themen der Konflikttransformation aus Sicht der Forschung wie der Praxis. Gleichzeitig geben wir eine Dialogserie heraus, in der die Autorinnen und Autoren zu zentralen Fragestellungen kritisch und offen miteinander „ins Gespräch“ kommen. Die Dialoge sowie zwei Artikel-Sammelbände, die 2004 und 2011 erschienen sind, können auch als Bücher erworben werden.

Alle Beiträge des Berghof Handbook liegen in englischer Sprache vor. Übersetzungen ausgewählter Artikel liegen in acht weiteren Sprachen vor.

Das Handbook hat nicht zum Ziel, das etablierte Wissen einer alteingesessenen Disziplin zusammenzufassen. Es ist vielmehr unser Anliegen, neben den erfolgreichen Methoden und Konzepten gerade auch die schwierigen Fragen und Herausforderungen zu beleuchten. Es handelt sich also nicht um eine Sammlung von „Rezepten“ oder fertigen Instrumenten. Stattdessen geht es immer darum, Methoden und Konzepte in einen breiteren konzeptionellen Zusammenhang zu stellen, um ihre Funktionen, Stärken und Schwächen genau zu verstehen.

Unser Verständnis von Konflikttransformation, das v.a. durch unsere langjährige Erfahrung in der Unterstützung von Friedensinitiativen geprägt wurde, beruht auf vier Grundprinzipien. Wir glauben, dass Krieg und Gewalt als Mittel der Politik und des Konfliktaustrags überwunden werden können und sollen. Zweitens geht es darum, Gewalt auch in Beziehungen und strukturellen Geflechten zwischen Menschen auf allen Ebenen zu vermeiden. Drittens sind wir überzeugt davon, dass sich jeglicher konstruktive Umgang mit Konflikten mit den Ursachen befassen muss, die den Konflikt treiben. Viertens muss konstruktive Arbeit an Konflikten in erster Linie diejenigen durch die Erarbeitung gewaltfreier Optionen stärken, die diese Konflikte hautnah durchleben.

Konflikttransformation muss also diejenigen, die Gewalt erfahren, mit angemessenen und innovativen Methoden und Ansätzen in ihrem gewaltfreien Handeln stärken. Unter Umständen müssen auch hier außenstehende Drittparteien unterstützend eingreifen. Dies bringt nichts weniger mit sich als die Veränderung individueller Einstellungen und die Reform institutioneller Strukturen. Es ist daher unsere Vision, Bedingungen zu schaffen, in denen Konflikte konstruktiv und gewaltfrei ausgetragen werden können, d.h. letztendlich die Gewalterfahrungen, die so viele menschliche Beziehungen prägen, grundlegend und nachhaltig zu verändern.

Es gibt eine Vielzahl von Begriffen, die die Bemühungen um gewaltfreie, konstruktive Konfliktbeilegung beschreiben. Darunter fallen Konfliktmanagement und Konfliktlösung (conflict resolution) ebenso wie Konflikttransformation, Krisen- und Konfliktprävention. Für uns stellt die Konflikttransformation den überzeugendsten, weil umfassenden und holistischen Begriff dar. Er schließt all die Aktivitäten ein, die Konflikte zwischen Gruppen mit dem Ziel zu transformieren suchen, nachhaltige friedliche Beziehungen zu stärken und soziale Gerechtigkeit zu erreichen. Ein solches Unterfangen umschließt struktur- und prozessrelevante Ansätze der Krisenprävention, Gruppenstärkungs- und Gemeinschaftsbildungsprozesse, Ansätze des Konfliktmanagement und der Konfliktlösung sowie Rehabilitation, Rekonstruktion und Versöhnungsbemühungen in Nachkriegssituationen.

Das unserer Arbeit zugrundeliegende Konzept der Konflikttransformation wurde vor allem in Reaktion auf einen Prototyp des innerstaatlichen Gewaltkonflikts geprägt: den sogenannten langwierigen und festgefahrenen sozialen Auseinandersetzungen (protracted social conflict). Dieses Konzept wurde zunächst von Edward Azar in den späten 1970er Jahren entwickelt. Heutzutage wird es häufig auf langanhaltende ethnopolitische Konflikte angewendet, die eine bestimmte „Symptomatik“ zeigen. Laut Azar zeichnen sich solche Konflikte durch folgende vier Charakteristika aus:

  • Es handelt sich um Konflikte zwischen Identitätsgruppen, von denen zumindest eine ihre Grundbedürfnisse nach Gleichbehandlung, Sicherheit und politische Teilhabe nicht respektiert sieht.
  • Es handelt sich im Kern um Konflikte, bei denen es um den Zugang zu staatlicher Macht geht, häufig in Form eines asymmetrischen Konflikts zwischen einer Regierung und aufständischen Gruppierungen.
  • Diese Konflikte können nur angemessen analysiert werden, wenn man auch die verschiedenen Formen internationaler direkter und indirekter Einflussnahme auf das Konfliktgeschehen mit berücksichtigt (z.B. Staaten mit ähnlichen Bevölkerungsgruppen, Diasporageflechte, internationale Interessenssphären).
  • Diese Konflikte sind häufig Ausdruck von über Jahrzehnten hinweg geschichtlich tradierter, tiefverwurzelter und feindseliger Gruppenbeziehungen.

Sich im Kontext von langwierigen und festgefahrenen sozialen Auseinandersetzungen auf die Notwendigkeit von Transformation zu berufen, bedeutet, dass alle vier Bereiche bedacht und behandelt werden müssen. Zum Beispiel muss in einem multiethnischen politischen System die Legitimität ethnopolitischer Ansprüche anerkannt werden. Umfassende Konzepte zu Machtbeteiligung und Staatsreform sind notwendig. Die Rolle internationaler Akteure und der internationalen Gemeinschaft muss angemessen berücksichtigt werden. Zudem ist die Aufarbeitung der gewaltvollen und schmerzerfüllten Vergangenheit in der einen oder anderen Weise unumgänglich. Schließlich entsteht die Notwendigkeit für Transformation auch aus der Tatsache heraus, dass langwierige Gewaltkonflikte nicht nur Leben fordern, Lebensgrundlagen zerstören und die soziale, politische und ökonomische Infrastruktur beschädigen, sondern auch das soziale Kapital einer Gesellschaft insgesamt untergraben. Auch deshalb befassen sich Anstrengungen zur Transformation von Konflikten mit einer breiten Palette von Themen und Aufgaben: humanitäre Hilfe, Rehabilitation, Rück- oder Neuansiedelung von Flüchtlingen; Wiederaufgabe sind das eine, Hilfe zur Wiedererlangung menschlicher Würde und Bemühungen um Versöhnung und/oder Koexistenz das andere.

Vor dem Hintergrund dieses umfassenden Verständnisses der Problematik, vor die uns Gewaltkonflikte stellen, haben wir in der Berghof Foundation „Konflikttransformation“ als das Leitkonzept für unser Berghof Handbook gewählt.

Siehe auch: Konflikttransformation im Berghof Glossar >Hintergrund

See also: Conflict Transformation in Berghof Glossary >

Im Jahr 1998/99 unternahm das damalige Berghof Forschungszentrum für konstruktive Konfliktbearbeitung die ersten Schritte, um ein internetbasiertes Handbuch für Konflikttransformation zusammenzustellen. Dieses sollte zu den aktuellen Herausforderungen ethnopolitischer Gewaltkonflikte Stellung nehmen und neueste Entwicklungen im relativ jungen Feld der Konflikttransformation widerspiegeln. Das Projekt fußt auf der Überzeugung, dass für den konstruktiven Umgang mit Großgruppenkonflikten mehr Einfallsreichtum, Kreativität und harte Arbeit Not tun, als sie bis dato investiert wurden.

Eine der grundlegenden Herausforderungen im Bereich der Konflikttransformation und Friedensförderung ist aus unserer Sicht die schwache Verknüpfung von Praxis, Forschung und Theorie. Wir glauben daher, dass es an der Zeit war und bleibt, den Stand unseres Wissens – sei es praktisch, empirisch oder theoretisch – zusammenzutragen und systematisch zu reflektieren. Zusätzlich haben wir uns vorgenommen, im Handbook die wichtigsten Lehren des Feldes herauszukristallisieren, die sogenannte best practice herauszuarbeiten und auch den aktuellsten und schwierigsten Fragen des Feldes nicht auszuweichen.

Somit setzt sich das Berghof Handbook for Conflict Transformation drei grundsätzliche Ziele:

  • Wir wollen die Kluft zwischen Praxis und Theorie in der Konflikttransformation verringern, wobei wir uns besonders darum bemühen, die Stimmen von Aktivistinnen und Praktikern in den Debatten zu stärken sowie neue und relevante akademische Erkenntnisse in praxisnaher Form zugänglich zu machen.
  • Wir wollen Forscher und Praktikerinnen besonders aus dem globalen Süden und anderen Regionen zu Wort kommen lassen, die oft weniger Gehör finden.
  • Wir wollen unter den vielen verschiedenen, multi-disziplinären und multi-nationalen Stimmen und Organisationen im Bereich von Konflikttransformation und Friedensförderung eine koordinierende und klärende Rolle spielen.Hintergrund

Beatrix Austin | Co-editor (seit März 2004)
Schwerpunkte: Opferidentitäten in Konflikten und Konflikttransformation; Dialog, Koexistenz und Versöhnung in Nachkriegsgesellschaften, besonders im Nahen Osten und im ehemaligen Jugoslawien; Theorie und Praxis der Konflikttransformation; Verhandlungs- und Konflikttransformationstraining; Fazilitation von Reflexion und Lernen in Organisationen.

Dr. Martina Fischer | Co-editor (seit Januar 2000)
Schwerpunkte: Forschung zur Rolle von Zivilgesellschaft in der Konflikttransformation; Vergangenheitsbewältigung und Versöhnung in Nachkriegsgesellschaften; Friedensförderung im westlichen Balkan; Stärkung von Strukturen der zivilen Krisenprävention und der zivilen Konfliktbearbeitung.

Prof. Hans J. Giessmann | Co-editor (seit Oktober 2008)
Schwerpunkte:
kreative Ansätze der Konflikttransformation und Friedensförderung; inklusive Regierungsführung, Dialog und Fazilitation.

Frühere Herausgeber…

Alex Austin, David Bloomfield, Clem McCartney, Norbert Ropers, Reiner Steinweg und Oliver Wils.

Die Biographien der Autorinnen und Autoren des Berghof Handbooks finden sie auf der englischen Seite hier >.

Die Plattform des Berghof Handbooks wird durch die Kernfinanzierung der Berghof Foundation als Investition in die Stärkung von Forschung und Praxis der Konflikttransformation ermöglicht.