Im Fokus: Jugend 2.0

Auch unter Friedensschaffenden werden Jugendliche allzu oft nur als Opfer, Risikogruppe oder Täter betrachtet. Erst seit kurzem rückt auch das ‚Friedenspotenzial‘ dieser Gruppe in den Blickpunkt.

So wird häufig übersehen, dass in allen Konfliktregionen Jugendliche ihre ureigenen Friedensinitiativen anstoßen. Ihre Motivation ist dabei ihre eigene Sehnsucht nach Frieden (für sich selbst und für ihr unmittelbares Umfeld). Es gibt einige dieser Friedensinitiativen, die von Jugendlchen aus eigenem Antrieb initiiert wurden; sie sind oft innovativ und finden abseits der ausgetretenen Pfade statt. Häufig betreten sie völlig neues Terrain, abseits der tradierten Ansätze älterer Generationen. Ihr Ziel ist Konflikttransformation durch einen Brückenschlag zwischen den Konfliktparteien und durch Impulse für Dialog und Mediation. Ihre besondere Qualität hat, so kann man vermuten, auch etwas mit der Besonderheit des Jugendlich-Seins zu tun: mit einer Phase im Leben, die geprägt ist durch eine einzigartige Mischung aus Energie, Leidenschaft und Emotion.

In den letzten Jahren ist  ‘Jugend’ zunehmend auch ein Thema auf der internationalen Friedensagenda. 2015 rief Resolution 2250 des Weltsicherheitsrates zu Jugend, Frieden und Sicherheit dazu auf, jugendliche Männer und Frauen verstärkt in die Prävention und Beilegung von Gewaltkonflikten einzubeziehen. In Weiterführung und Ergänzung forderte Resolution 2419 eine stärkere Rolle für Jugend in Friedensverhandlungen und Implementierungssprozessen. Die unabhängige Fortschrittsstudie Jugend, Frieden und Sicherheit unterstreicht diese normativen Erwartungen: ihre Autoren kommen zu dem Schluss, dass Jugendliche in aller Welt in vielfältiger Weise zur Prävention und Transformation von Gewaltkonflikten beitragen, auch wenn sie vielerorts übersehen und marginalisiert werden.

In vielen Konfliktregionen stellen Jugendliche die Mehrheit der Bevölkerung dar. Oft sind sie diejenigen, die physisch und psychisch am stärksten von Gewalt betroffen sind, sowohl demografisch als auch statistisch. Da in Konfliktregionen meist auch das sozioökonomische Umfeld leidet, sehen sich Jugendliche zusätzlich in ihren Entfaltungsmöglichkeiten und ihren Möglichkeiten beschränkt oder untergraben. Dies behindert auch ihren Übergang ins Erwachsen-Sein und hält sie stattdessen in einer anhaltenden Phase des Wartens gefangen. In diesem Zusammenhang machen sie verschiedene Faktoren besonders verwundbar für die Rekrutierung als Gewaltakteure durch bestimmte politische Akteure, Gangs oder andere bewaffnete Gruppen: Arbeitslosigkeit, Unsicherheit, die Suche nach Identität oder der Mangel an Zukunftsperspektiven wirken hier zusammen. In diesen Kontexten sehen auch viele Friedensschaffende und –unterstützer*innen Jugendliche im besten Fall als ‚potentielle‘ Friedenskräfte, die angeleitet und aktiviert werden müssen.

Berghof Foundation und Jugend

Die Arbeit der Berghof Foundation zum Thema konzentriert sich auf diesen transformativen Jugendimpuls. Besonders interessieren uns Möglichkeiten, uns im “Bereich Jugend” zu engagieren. Wenn man eine gesamtgesellschaftliche Perspektive zu Grunde legt, dann ist ein solcher Raum nicht eine isolierte Jugendblase, sondern ein generationenübergreifender Raum für Jugend. Damit reicht er in andere, informelle wie formelle, Räume hinein. Natürlich spielt hier auch das Geschlecht eine wichtige Rolle: unterschiedliche Rollenverständnisse, Einschränkungen und Chancen treten hier zu Tage, je nach Kontext unterschiedlich sichtbar.



Unser Engagement im Jugendbereich (youth space) orientiert sich an einem engen Austausch mit den Menschen, die sich in diesem Raum gestaltend bewegen. In unseren Projekten nähern wir uns dem in verschiedenen Themenbereichen:

  •  Wir stärken und entwickeln die Fähigkeiten und Identitäten von Individuen und Gruppen, sich als Friedensstifter*innen zu entfalten.

  •  Wir schaffen Räume zum Lernen und für den Wissensaustausch.

  •  Wir verbinden junge Menschen in verschiedenen Gruppierungen innerhalb eines Kontexts, knüpfen Netzwerke, auch zu anderen Kontexten.

  •  Wir schaffen gemeinsam mit Jugendlichen Strukturen, die die Teilhabe von jungen Menschen an formellen und informellen Friedensprozessen ermöglichen.

Eben erst erschienen ist unser jüngster Impuls in dieser Debatte. Der Bericht  The youth space of dialogue and mediation setzt sich mit Dialog- und Mediationsaktivitäten innerhalb des „Jugendraums” auseinander und unterstreicht deren Bedeutung. Diese seien unerlässlich, um allgemein Raum für Dialog und Mediation zu schaffen.


Informationen über unsere Arbeit zur Rolle Jugendlicher und junger Erwachsener in Konflikten finden Sie auch im Berghof Annual Report 2014.

Tübingen: Internationale Sommerschule für junge Friedensstifter

Einmal im Jahr bringt unsere Sommerschule für junge Friedensstifter junge Erwachsene aus der ganzen Welt zusammen, die sich in ihren Herkunftsländern für Frieden und Gewaltfreiheit einsetzen. mehr >

Streitkultur 3.0

Hier entstehen  Lernräume und –medien für junge Menschen zur Auseinandersetzung mit Hass und Gewalt im Netz. mehr >

Somalia: Mediationsunterstützung für junge Friedensstifter aus Hirshabelle

Wir haben den Aufbau eines generationenübergreifenden Netzwerks von Insider Mediatoren in  Hirshabelle State unterstützt, an dem traditionelle Älteste ebenso wie Vertreter*innen der Zivilgesellschaft und junge Friedensstifter mitwirken. mehr>

Online Portal Frieden Fragen

Das Portal beantwortet Fragen von Kindern und Jugendlichen zu Frieden, Konflikt und Krieg: frieden-fragen.de >

Kaukasus: Jugendaktionen für Erinnerung in Abchasien

Welche Herausforderungen stellen sich der Jugend in Gagra, Suchum/i, Tkuarchal/i und Gal/i? Was unterscheidet Jugendliche im Westen Abchasiens von der georgisch geprägten Jugend im Osten? Wie kann die Beziehung zwischen Abchasen und georgischen Mingrelen verbessert werden?  Um die Bedeutung von Geschichte und Kultur in diesem Zusammenhang geht es in den zahlreichen Initiativen, die Jugendliche hier zusammen entwickeln. mehr >

Südsudan: Track 2 Jugend-Initiativen

In Südsudan unterstützt die Berghof Foundation Dialoge mit jungen Vertreter*innen des gesamten politischen Spektrums und der Zivilgesellschaft, um gemeinsame Positionen  zugunsten eines Friedensprozesses zu entwickeln. mehr >

Highlight: Jugend im Dialog im Libanon

In den letzten drei Jahren hat die Berghof Foundation, in Kooperation mit Dar Al-Fatwa libanesische Jugendliche und junge Erwachsene an Aktivitäten zur Stärkung eines inner-sunnitischen Dialogs beteiligt, um Radikalisierung zu verhindern und deren Ursachen anzusprechen. Dazu zählen Trainings von Multiplikatoren zu Dialog, Mediation und Konflikttransformation sowie konstruktive Diskussionen zu gesellschaftlichen, politischen und religiösen Themen. Dar Al-Fatwa – die offizielle religiöse Vertretung der Sunniten im Libanon – hat mit der Berghof Foundation ein Pilotprojekt initiiert, um die Institution auch der jungen Generation von Sunniten im Libanon näher zu bringen. Die Zielgruppe umfasst v.a. junge Männer und Frauen mit religiösem Hintergrund, aber auch junge Sheiks von Dar Al-Fatwa und andere sunnitische Strömungen. Durch die Beteiligung junger Medien-Absolventen soll auch die Arbeit des Dar Al-Fatwa-eigenen Radionsenders "Al-Quran Al-Kareem" verbessert und die Zusammenarbeit mit der Institution langfristig gefördert werden. mehr >

United Nations Jugendstudie

Unser Kollege Julian Demmer war an der Jugendstudie Progress Study on Youth, Peace and Security beteiligt, die vom gemeinsamen Sekretariat des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) und des Peacebuilding Support Office koordiniert wurde.

Unsere Studie The youth space of dialogue and mediation: An exploration lieferte einen thematischen Beitrag zu dieser Progress Study.

OSZE und Jugend

Unser ehemaliger Kollege Nico Schernbeck war Special Representative on Youth and Security der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die den österreichischen Vorsitz 2017 zur Rolle von Jugendlichen in Frieden und Konflikt beriet. Er hat außerdem das OSCE Sekretariat zu dem Thema beraten.

Nationale Dialog-Konferenzen zum Thema Jugend

Auf der Jahreskonferenz des finnischen Ministeriums in Helsinki haben wir uns dafür eingesetzt, dass junge Akteure an Mediationsinitiativen sowie formalen und informellen Runden Nationaler Dialoge stärker beteiligt werden.

Polis 180

Als Mitglied des jugendbasierten Grassroots Think Tanks Polis 180 hat unser Kollege Julian Demmer einen workshop organisiert, der im Rahmen des Peace Lab 2016 Prozessessich erfolgreich für eine Integration von UN SCR 2250 in die Leitlinien  der Bundesregierung eingesetzt hat. Krisen verhindern, Konflikte bewältigen, Frieden fördern >

Fachtagung zum Thema Jugendpartizipation

Unsere Kollegen Mir Mubashir und Julian Demmer beteiligten sich am  Experten-Workshop zu “Youth for Peace. Challenges and chances of strengthening youth participation in the Middle East to build peace" organisiert von FriEnt, in Koopoperation mit BMZ und INEF. Julian fazilitierte eine Arbeitsgruppe zu “Jugendpartizipation in Friedensprozessen”.

  • Berghof Foundation: Policy Brief on engaging with the youth space of dialogue and mediation. [forthcoming].
  • Graeme Simpson & Ali Altiok: Youth Perspectives on Violent Extremism. Comment on Berghof Handbook Dialogue No 13, Transformative Approaches to Violent Extremism. [forthcoming].
  • Mir Mubashir & Irena Grizelj: The youth space of dialogue and mediation: An exploration. 2018. Berlin: Berghof Foundation. PDF >
  • Irena Grizelj: The Youth Space of Dialogue and Mediation in Myanmar. 2017. Berlin: Berghof Foundation. Case Study Report. PDF >
  • Mohammad Reza Farzanegan & Stefan Witthuhn: Corruption and political stability: Does the youth bulge matter?, in: European Journal of Political Economy, Vol 49, September 2017, pp 47-70. Link >
  • Véronique Dudouet: Violent mobilisation of youth gangs by political parties, in: UNSSC paper Understanding a new generation of non-state armed groups. United Nations System Staff College/zif, 2015. Link >
  • Katrin Planta & Véronique Dudouet: Fit for negotiation? Options and Risks in the Political Transformation of Non-conventional Armed Groups. NOREF report. 2015. Link>
  • Uli Jäger: Peace Education and Conflict Transformation. 2014. Handbook Article. PDF >
  • Verena Brenner: Krieg und Flucht im Unterricht 2014. [German] Order (€10,00€ + postage)>
  • Günther Gugel: Gewaltprävention III. Für den Vorschulbereich und die Arbeit mit Kindern. 2014. [German.] Order Book (€ 28,80 + postage) >
  • Dekha Ibrahim Abdi: Working for Peace in Conflict Systems in Kenya – Addressing the Post-Election Crisis 2008. Handbook Dialogue Comment. PDF >
  • Martina Fischer: The Need for Multi-Dimensional Youth Work. 2007. Book Chapter >
  • Yvonne Kemper: Youth in War-To-Peace Transitions. Approaches of International Organisations. 2005. Report No. 10. PDF >
  • Martina Fischer & Astrid Fischer: Youth Development – A Contribution to the Establishment of a Civil Society and Peacebuilding. Lessons Learned from Bosnia-Hercegovina. 2004. Working Paper No. 2. PDF >
  • Stefanie Schell-Faucon: Conflict Transformation through Educational and Youth Programmes. 2001. Handbook Article. PDF >

Im Rahmen des Grant for Innovation in CT > förderte die Berghof Foundation  2013/14 Projekte zur Rolle von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Transformationsprozessen . Dabei standen gewaltfreie Strategien im Vordergrund.

Eine wichtige Möglichkeit zum Austausch bot die  Grantees Konferenz im November 2014 in Berlin, auf der sich die fünf geförderten Partner aus Honduras/Guatemala, Indonesien, Mazedonien, Nepal und Jemen vorstellten. News Link >

Dabei wurde deutlich, wie unterschiedlich die Zusammenhänge sein können, in denen junge Akteure in ihre Rollen und Ausdrucksmöglichkeiten finden.  Alle geförderten Projekte betonten, wie wichtig eine vorherige Bedarfsklärung sowie Weiterbildungs- und Trainingsmöglichkeiten seien, die auf die Interessen, Meinungen und Bedürfnisse  junger Menschen direkt eingehen. In einigen Projektzusammenhängen wurde die Stärke von Peer-Ansätzen deutlich (“Ich bin begeistert, junge Leute zu treffen, die so offen, umtriebig und inspirierend sind“, „Wir kennen uns erst durch dieses Förderprogramm, aber jetzt sind wir wie eine Familie“ – Teilnehmer aus Jemen), ebenso die Austauschmöglichkeiten über soziale Medien.

Mehr Informationen zu den geförderten Projekten finden Sie hier >.