Gedanken zum Antikriegstag

01.09.2019

Monatlicher Blog von Hans-Joachim Gießmann, Executive Director der Berghof Foundation

Diesen Blog schreibe ich auf dem Flug von Kabul zurück nach Deutschland. In Afghanistan hat sich mein Team mit wichtigen politischen und zivilgesellschaftlichen Akteuren getroffen, die nicht immer politisch einer Meinung sind, aber die gemeinsame Überzeugung teilen, dass der Krieg endlich und für immer beendet werden muss. Die Möglichkeit zu einem dauerhaften Frieden eröffnet sich zu einem besonderen Zeitpunkt.

Am 1. September 1939 begann mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen der Zweite Weltkrieg. Es ist ebenfalls nur ein Zufall, dass mit dem 80. Jahrestag des Kriegsbeginns und dem 100. Jahrestag der Unterzeichnung eines Waffenstillstands im November 1918, der zugleich die Beendigung des Ersten Weltkrieges bedeutete, zwei Jahrestage der Erinnerung in so kurzer Zeit aufeinander folgten.

Für mich hatte die kurze Zeitspanne zwischen beiden Gedenktagen einen ganz persönlichen Effekt.

Mein Großvater kämpfte als junger Soldat in den Reihen der kaiserlichen deutschen Armee an der Westfront in Belgien und Frankreich. Er verlor fast sein Augenlicht in einem Schützengraben bei Ypern in Belgien, als chemische Waffen im Stellungskrieg zum Einsatz kamen. Mein Großvater hat meiner Erinnerung nach nie mit seinen Enkeln über das Erlebte gesprochen. Allerdings habe ich vor ein paar Jahren sein Kriegstagebuch gefunden, einerseits voller alltäglicher, zum Teil banaler, Beschreibungen des persönlich Erfahrenen, andererseits aber getragen von einer Grundmelodie der Angst und der Ohnmacht, den Schrecken des Krieges nicht entrinnen zu können. Ich erinnere mich meines Großvaters heute als eines gütigen Menschen, der in seinen späteren Lebensjahren als Mitglied der Bekennenden Kirche und Pazifist eine sehr kritische Distanz zum Waffengeklirr der Nationalsozialisten entwickelte.

Verhindern konnte mein Großvater allerdings nicht, dass, sein Sohn und mein Vater ab 1944, als der 2. Weltkrieg schließlich das Deutsche Reich auch zu Lande erfasste, in die Wehrmacht eingezogen wurde. Auch mein Vater sprach mit uns nie zusammenhängend über das Erlebte, sondern lediglich darüber, dass er in den letzten Kriegstagen die ihm anbefohlenen Angehörigen des sogenannten „Volkssturms“ und der Hitlerjugend, letztere teilweise im Alter von 14 und 15 Jahren, aus einer Stellung südlich von Berlin heraus nach Hause jagte und dann selbst desertierte, um auf Umwegen zu seinen Eltern zu flüchten, die ihn bis nach dem Kriegsende versteckten. Es gibt keine Tagebücher, wie jene meines Großvaters – vielleicht hätte ich die Motive meines Vaters besser verstanden – über seine Erlebnisse im Wesentlichen bis an das Ende seiner Tage zu schweigen.

Erst vor wenigen Jahren habe ich erfahren, bzw. begriffen, dass er in den ersten Jahren des 2. Weltkriegs als junger Physiker an kriegswichtigen Forschungen Werner Heisenbergs beteiligt war, die vielleicht – ich weiß es nicht – mit beigetragen haben, die Dauer des Krieges zu verlängern. Über seine spätere Zusammenarbeit mit Werner Heisenberg nach dem Ende des Krieges weiß ich leider mehr als über die frühere Zeit und es belastet mich bis heute, nicht entschiedener nachgefragt zu haben. Jedoch, auch mein Vater war meiner Erinnerung nach ebenfalls für den Rest seines Lebens pazifistisch bekehrt.

Der erlebte Pazifismus meiner unmittelbaren Vorfahren, hat wichtige Entscheidungen in meinem eigenen, glücklicherweise bisher kriegsfreien Leben beeinflusst. Zunächst als Abrüstungsexperte, später als Friedensforscher und schließlich als Geschäftsführer einer Organisation, die sich der gewaltfreien Konflikttransformation verschrieben hat, bin ich seit fast 40 Jahren beruflich damit befasst, die Ursachen von Kriegen zu ergründen und Wege zum Frieden zu beschreiben sowie – seit ich bei der Berghof Foundation bin – mit Partnern in kriegsbetroffenen Gesellschaften, die einen Ausweg aus den Dynamiken der bewaffneten Gewalt suchen, gemeinsam daran zu arbeiten.

Seit einigen Jahren liegt mir persönlich die Beendigung des Kriegs in Afghanistan am Herzen, eines Krieges der mit dem Beginn der sowjetischen Invasion vor 40 Jahren (zufälligerweise ein weiteres rundes Jahr der Erinnerung) mein gesamtes Berufsleben begleitet hat. Ich bin froh, dass das Wissen und die Fähigkeiten der Berghof Foundation, einen substanziellen Beitrag zu leisten, von den Beteiligten des Konflikts als Unterstützung angefragt und weiter nachgefragt werden. Es wäre der größte Ertrag meines eigenen beruflichen Wirkens – nicht zuletzt auch in der umgekehrten Tradition meiner Vorfahren – einen kleinen Anteil zur Beendigung dieses vertrackten Krieges beitragen zu können.