Gedanken zum Fastenmonat Ramadan – Wird Frieden in Afghanistan?

15.05.2019

Am 6. Mai begann für die Muslime auf der ganzen Welt der jährliche Fastenmonat Ramadan. Eigentlich eine Zeit der inneren Einkehr und des Friedens, herrscht jedoch nicht überall Frieden, so auch nicht in Afghanistan. 2018 wurden nach Angaben der UN-Mission in Afghanistan mindestens 3.800 Zivilisten getötet. Das waren elf Prozent mehr als 2017. Zugleich wurden fast 7.200 Zivilisten verletzt, rund 2 Prozent mehr als 2017. Das geht aus einem Bericht der UN-Mission in Afghanistan und dem UN-Hochkommissariat hervor.

Mit wenigen kurzen Unterbrechungen befindet sich Afghanistan bereits seit 40 Jahren im Krieg. Zwei Generationen junger Afghaninnen und Afghanen kennen faktisch nichts Anderes als Krieg als den „Normalzustand“. Auf eine optimistische Prognose lassen die seit einigen Monaten geführten Verhandlungen zwischen Delegationen der US-Regierung und der Taliban sowie die begleitende Pendeldiplomatie in wechselnden Besetzungen unter Mitbeteiligung Russlands und Chinas, der Vereinten Nationen und der EU, sowie weiterer Staaten – darunter auch Deutschland hoffen.

Deutschland beteiligt sich seit Jahren mit eigenen politischen, wirtschaftlichen und auch militärischen Beiträgen an den internationalen Bemühungen zur Unterstützung für einen Friedensprozess in Afghanistan. Es leistet Beiträge u.a. zur Förderung von Rechtsstaatlichkeit und der wirtschaftlichen Entwicklung, in der Bildung und Ausbildung, insbesondere auch für Mädchen und Frauen. Über 16 Mrd. Euro hat Deutschland seit 2001 in die Unterstützung Afghanistans investiert, allein 2018 waren es 770 Mio. EUR.

Das seit Dezember 2014 durch den Deutschen Bundestag gegebene Mandat zur Beteiligung an der NATO-geführten Unterstützungs- und Ausbildungsmission „Resolute Support“ wurde im März um ein weiteres Jahr verlängert. Bis zu 1.300 Soldatinnen und Soldaten können demnach für insgesamt zehn Einsatzaufgaben an vier Standorten, insbesondere für die Beratung, Ausbildung, und Unterstützung der afghanischen nationalen Verteidigungs- und Sicherheitskräfte, eingesetzt werden. Die Risiken für die Soldatinnen und Soldaten bleiben hoch: Seit 2001 verloren 58 Angehörige der Bundeswehr und drei Polizisten ihr Leben während der Einsatzzeit in Afghanistan.

Bei allen Anstrengungen zur Stärkung der nationalen Sicherheit, die Lage ist im Frühjahr 2019 weiterhin prekär: Teile Afghanistans werden aktuell von der Regierung nicht kontrolliert. Selbst hochgesicherte Städte wie Kabul bleiben von Anschlägen nicht verschont. Die jüngst von den Taliban verkündete Frühjahrsoffensive hat zu einer neuerlichen Intensivierung von Kampfhandlungen geführt – ungeachtet der jetzt laufenden Verhandlungen und Gespräche zur Beendigung des Krieges.

Trotzdem: Möglicherweise sind die Chancen auf Frieden durch Dialog und Verhandlungen zu keinem Zeitpunkt in den zurückliegenden vier Jahrzehnten größer gewesen, als in diesen Monaten. Verhandlungen und Gespräche über Auswege aus dem vertrackten Konflikt finden erstmals gleichzeitig auf verschiedenen Ebenen und unter Beteiligung der wichtigsten politischen Akteure statt.

Die Hoffnung: Auf allen Seiten, mit Ausnahme des Islamischen Staates, wurde Bereitschaft bekundet, jetzt den ernsthaften Versuch zu unternehmen, durch Dialog und Verhandlungen den Übergang zum Frieden zu ermöglichen und das Erfordernis internationaler militärischer Präsenz zu verringern, um sie schließlich zu beseitigen.

Die Erwartung: Alle Seiten wollen auf das Ergebnis von Verhandlungen zu ihren Gunsten Einfluss nehmen oder zumindest am Ende nicht einseitige Nachteile erleiden.

Das Problem: Die jeweiligen prioritären Interessen der am Konflikt beteiligten Parteien sowie der internationalen Akteure unterscheiden sich - jenseits der allgemein bekundeten Friedens- und Verhandlungsbereitschaft - stark. So betrachten einige internationale Akteure Afghanistan als Trumpfkarte ihrer geopolitischen Konkurrenz, andere streben nach regionaler Dominanz oder einseitigen wirtschaftlichen Vorteilen.  

Hinzu kommt: Auch die politischen und gesellschaftlichen Kräfte Afghanistans sind uneins, oft sind sie entlang ethnischer, tribaler, territorialer oder religionsgemeinschaftlicher Trennlinien zerstritten. Nach jahrzehntelangen Auseinandersetzungen um Macht, Einfluss und Gewinn in einem Land, das nach Angaben der UN weiter zu den am wenigsten entwickelten Ländern (Human Development Index, Rang 168) zählt und zugleich zu den Ländern mit der höchsten Korruption (Transparency International:  Korruptionswahrnehmungsindex, Rang 172), ist das Misstrauen in die Fähigkeit aller politischen Eliten, Rechtsstaatlichkeit, wirtschaftliches Wohlergehen und politische Teilhabe gleichermaßen und in gerechter Weise zu gewährleisten, groß.

Unbestritten bleibt jedoch: Weder wird ein fortgesetzter Krieg zum Frieden führen, noch werden Versuche zur Übervorteilung einer Seite durch eine andere die Rahmenbedingungen schaffen, die erforderlich wären, um die tiefen Gräben zwischen den Parteien zu überwinden. Frieden wird nur möglich sein, wenn Feindschaften in konstruktive Zusammenarbeit, Alleinvertretungsansprüche in faire Teilhabe, und Vorrechte für Einige in Rechte für alle verwandelt werden. All dies wird letzten Endes aber kaum in einem Verhandlungsergebnis stehen können, sondern bedarf der Entwicklung einer gemeinsamen Vision für das künftige Afghanistan und eines gemeinsamen Lernprozesses aller Beteiligten am Friedensprozess, Konflikte auf dem Wege zu dessen Umsetzung, friedlich zu lösen.   

Im Juni vor einem Jahr waren während eines dreitägigen Waffenstillstands anlässlich des Eid al-Fitr Fastenbrechens hoffnungsvolle Gesten möglicher Versöhnung zwischen Talibankämpfern und der Zivilbevölkerung in vielen Städten Afghanistans zu beobachten. Das kurzzeitige Schweigen der Waffen hat bewiesen: Frieden kann erfolgreich verhandelt werden, wenn alle Seiten es wirklich wollen. Die Erinnerung daran sollte ermutigen, die Chancen des Dialogs und der Verhandlungen entschieden zu ergreifen.

Die Konsultative Friedens – Loya Jirga kurz vor Beginn des Ramadans war ein wichtiger Schritt auf diesem Weg. 3383 Delegierte, ein Drittel davon Frauen aus fast allen Distrikten des Landes, nahmen daran teil und entwickelten eine Erklärung mit konkreten Vorschlägen. Ob sie konsensfähig sind, muss ein innerafghanischer Dialog zeigen, unter Beteiligung jener wichtigen Kräfte, die im Zelt der Loya Jirga noch fehlten.

Ich wünsche allen Muslimen, vor allem meinen afghanischen Freunden, eine friedliche Fastenzeit. Ramadan Mubarak.