"Man muss sich immer in den Partner hineinversetzen." Der Historiker Giorgi Anchabadze im Biographischen Salon

10.04.2017

Mit dem Besuch des georgisch-abchasischen Historikers Gia Anchabadze am 4. April ging für das Team des Projektes "Durch Geschichtsdialog zur zukünftigen Kooperation" ein Traum in Erfüllung. Der Professor mit Lehrauftrag in Tbilisi und Sukhum/i, dessen Familie aus Sukhum/i stammt und der heute in Tbilisi lebt, ist ein auf beiden Seiten gleichermaßen angesehener und international anerkannter Spezialist für abchasische Geschichte. Vor Kriegsausbruch war er in der gemäßigten georgischen Nationalbewegung aktiv und hatte guten Kontakt zur abchasischen Intelligenzija und Nationalbewegung Aydgylara. Daher stand er im Salon sowohl als Zeitzeuge, als auch als Experte Rede und Antwort.

Das zahlreich erschienene Publikum musste zum Teil auf Klappstühlen Platz nehmen, da alle Plätze belegt waren. Es beteiligte sich so rege mit Fragen und Kommentaren, dass die Veranstaltung doppelt so lang wie geplant dauerte.

Anchabadze berichtete, dass er sich schon als Kind sowohl als Georgier als auch als Abchase empfand. Er hob hervor, dass seine abchasische Herkunft in seinem Umfeld in Tbilisi sehr positiv wahrgenommen wurde.

Anfang der 90er Jahre bemühte er sich als Mitglied der Abchasienkommission um Ausgleich der Interessen und warb um Verständnis für die abchasischen Standpunkte. Als eine Konfliktursache benannte er eine zunehmende Entfremdung sowie  gegenseitiges Desinteresse zwischen der georgisch- und der abchasischstämmigen Bevölkerung in Abchasien in der späten Sowjetzeit. In einem Kurzinterview im Anschluss an die Veranstaltung unterstrich Anchabadze die Bedeutung der Arbeit mit Kriegserinnerungen: "Solche Veranstaltungen sind sehr nützlich, denn sie bewahren Informationen, die normalerweise nicht in den Medien vorkommen und über die wenig geschrieben wird. Die Geschichten der Menschen sind eine sehr interessante Quelle, die in Zukunft auch die Historiker beschäftigen wird. (...) Deshalb unterstütze ich diese Arbeit ausdrücklich." Nach seinen Wünschen für die Zukunft befragt, unterstreicht Anchabadze: "Das wichtigste ist, sich gegenseitig zu achten. Das was wir erlebt haben, nämlich dass es kein Interesse mehr daran gab, was die Anderen denken, worunter sie leiden, das darf es nicht mehr geben. Immer wenn es Streit gibt, muss man sich in den Partner hineinversetzen, sich fragen: wie nimmt der Andere das wahr? Dann findet man leichter Berührungspunkte. Ich bin für Kompromisse."

Die Veranstaltung wird im Mai im abchasischen Fernsehen ausgestrahlt.

Das Projekt "Durch Geschichtsdialog zur zukünftigen Kooperation" wird vom Auswärtigen Amt gefördert.

Den  vollen Text des Kurzinterviews finden Sie hier.