Religion – eine Quelle des (Un-)Friedens?

18.12.2019

Foto: Carlos Arthur M.R., via Unsplash

Monatlicher Blog von Hans-Joachim Gießmann, Executive Director der Berghof Foundation

Bietet Religion einen identitätsstiftenden Rahmen für die Verbreitung von Frieden über die Grenzen sozialer Gemeinschaften hinweg? Können vielleicht gerade glaubensbasierte Akteure einen besonders wirkungsvollen Beitrag zur nachhaltigen Überwindung von Gewalt in den Beziehungen innerhalb sozialer Gemeinschaften sowie zwischen Staaten und Völkern leisten? Oder ist Religion eher bekannt als eine Quelle von Vorurteilen und Unfrieden zwischen verschiedenen sozialen Gruppen?

Eine einfache Antwort auf diese Fragen gibt es nicht. Die Eindrücke hinsichtlich der Rolle von Religion und Gewalt in der Geschichte sind mehr als zwiespältig. Um den eigenen Glauben anderen aufzuzwingen, wurden vom frühen Mittelalter bis in die Gegenwart viele Kriege geführt. Auch für die Missionierung, Ausgrenzung oder sogar die Verneinung der Existenzberechtigung des Anderen bietet die Geschichte zahllose Beispiele, im Großen wie im Kleinen. Der Terrorismus der Neuzeit wird gleichfalls oft durch dessen Drahtzieher durch überzogene Glaubensbekenntnisse unterschiedlicher Art rechtfertigt. Die überlieferten religiösen Texte der großen monotheistischen Religionen bieten freilich kaum – jedenfalls keineswegs eindeutige – Belege dafür, dass der Rückgriff auf Gewalt gegen Andersdenkende prinzipiell als legitim erachtet werden würde.

Die Berufung auf religiöse Alleinvertretung durch Gewaltakteure bedient sich zumeist vielmehr einer zweckgerichteten Interpretation von aus dem Zusammenhang gerissenen Versatzstücken aus ganz verschiedenen Quellen. Sie ist dabei manipulativ, knüpft allerdings auch gezielt an die leider verbreiteten Defizite wegen vorhandener Mängel in der Regierungsführung in vielen Ländern an und macht sich die darin wurzelnden Tendenzen der Polarisierung und Entfremdung zu Nutze, um Gewalt gegen Andersdenkende oder Andersglaubende zu begründen.

Der tradierte Wertekanon religiöser Gemeinschaftlichkeit wird dadurch in schamloser Weise pervertiert. Nicht die verbindenden Werte des Glaubens werden von den gewaltbereiten Akteuren anerkannt, sondern stattdessen die nicht zu verhandelnden Unterschiede zwischen den Religionen willentlich überhöht. Dabei gibt es, abgesehen von den gemeinsamen Wurzeln monotheistischer Glaubensgemeinschaften, viele übereinstimmende Werte und sogar Verwandtschaften in den Schriften. Die Taktik glaubensbasierter Manipulation zielt indes auf Verfemung und mündet im schlimmsten Falle in dem Versuch, Andersdenkende oder Andersglaubende zu vernichten – so geschehen in Bosnien in den 1990er Jahren oder wie in jüngerer Zeit durch den IS im Irak und in Syrien.

Die Geschichte ist aber nicht nur von unter dem Vorzeichen der Religion eingesetzter Gewalt geprägt. Sie ist auch eine Geschichte der religiösen Toleranz und Aussöhnung, des Widerstandes gegen Unterdrückung, des friedlichen Miteinanders über alle denkbaren Grenzen hinweg. Belege hierfür finden sich in allen Religionsgemeinschaften.

Anfang Dezember kamen in New York 200 führende Repräsentanten und Repräsentantinnen ganz unterschiedlicher religiöser Gemeinschaften zusammen, um  gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern aus Forschung, Praxis und Zivilgesellschaft die während des Treffens der Weltversammlung der Gemeinschaft „Religionen für den Frieden“ in Lindau am Bodensee verabschiedete „Friedenscharta für Vergebung und Versöhnung“ in konkrete Maßnahmen zu übersetzen. Während diese Treffens ließen die Vertreterinnen und Vertreter der Weltreligionen  jedenfalls keinen Zweifel daran, dass sie das friedensschöpfende Potenzial in der Zusammenarbeit der Glaubensgemeinschaften gemeinsam heben und stärken wollen. Sichtbar wurde in Lindau wie kürzlich auch in New York, wie durch die individuelle Bereitschaft zur Übernahme von moralischer Verantwortung seitens der zahlreichen Religionsvertreter – darunter übrigens viele Frauen, leider aber noch zu wenig junge Menschen – gemeinsame Ideen für kooperatives Handeln entwickelt werden können, welche im Ergebnis die Grenzen zwischen den Religionen weniger wichtig werden lassen und dadurch neue Räume für abgestimmte politische Einflussnahme öffnen.

Die gemeinsam erarbeiteten Vorschläge lassen auf eine breitere zivilgesellschaftliche Gegenwehr gegen Politiken der Ab- und Ausgrenzung hoffen; ob im Ringen um ein völliges Verbot und die Abschaffung von Atomwaffen, beim Umgang mit den konfliktverschärfenden Wirkungen des Klimawandels, bei der Stärkung von Versöhnungsansätzen in Friedensprozessen nach langanhaltender Gewalt, bei der Förderung von Friedensmediation in vertrackten Konflikten oder in Ansätzen der Friedenspädagogik zur Ermutigung heranwachsender Generationen.

Was folgt aus dieser Analyse? Die Entscheidung, ob Religion friedensstiftend oder friedensgefährdend wirkt, ist keine Entscheidung zwischen unterschiedlichen Texten, sondern ist stets von Menschen zu treffen, die entweder zur Zusammenarbeit bereit sind oder diese aus egoistischen Motiven ablehnen. Die Initiative der “Religionen für Frieden“ bietet Anlass zur Hoffnung, dass sich aus glaubensbasierten Gemeinschaften zunehmend starke Stimmen für eine gemeinsame Friedensverantwortung erheben, die Grenzen überwindet und Unterschiede überbrückt.

Die Berghof Foundation sieht in der positiven Rolle gerade dieser Akteure gute Chancen für die Förderung inklusiver Friedensprozesse sowie für die stärkere Zusammenarbeit vor allem in der Mediation und Friedenspädagogik.