„Schicksalstag“ der Deutschen: 9. November 1989 - 1938 - 1918

07.11.2019

Foto von Blake Guidry

Der 9. November gilt gemeinhin als der Schicksalstag der Deutschen. Für die jüngere Generation verbindet sich dieses Datum vor allem mit dem Mauerfall in Berlin im Jahre 1989. Eine jüngst durchgeführte bundesweite Umfrage ergab, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung Deutschlands den Tag des Mauerfalls gegenüber dem Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober (1990) als den würdigeren Nationalen Feiertag vorziehen würde. In den östlichen Bundesländern sprachen sich zum Teil sogar mehr als 70 Prozent der Befragten dafür aus.

Ich hege ebenfalls Sympathie für diese Idee. Allerdings wäre für mich dieses Datum weniger als der fröhliche Feiertag geeignet, den der Tag der Deutschen Einheit darstellt, denn als ein Tag des Gedenkens und der Reflektion der deutschen Geschichte in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit, ihren ebenso hoffnungsfrohen wie ihren schrecklichen Momenten, um daraus Lehren für das Kommende zu ziehen.

Der 9. November 1989 wird rückblickend oft als Ergebnis des friedlichen Aufstandes in der ehemaligen DDR gegen autokratische Herrschaft erachtet. Dabei wäre der 9. Oktober 1989, als sich mit der Montagsdemonstration von Leipzig mehr als 70.000 Menschen trotz massiver Einschüchterungsversuche nicht davon abhielten ließen, auf die Straßen zu gehen und die Abdankung der politisch Herrschenden forderten, hierfür der weitaus geeignetere Tag des Gedenkens. Der Aufstand begann an diesem Tage und nicht erst einen Monat später. Der 9. November markiert vielmehr den Auftakt für das Ende der DDR als eigenständiger Staat. Das Datum könnte mithin herhalten, für das Ende der deutschen und europäischen Teilung zu stehen. Dazu später mehr.

In der aktuellen Erinnerungskultur werden andere Ereignisse von vergleichbarer Relevanz oft verdrängt. Die Auseinandersetzung mit diesen Daten wäre jedoch geeignet, das internationale Bild auf -  und über - uns Deutsche, aber auch unser eigenes Selbstbild, stärker auszudifferenzieren und dadurch gesamtdeutsche Geschichte, Gegenwart und Zukunft in eine ganzheitliche Perspektive zu rücken.

Vor allem zwei weitere Novembertage sind in der jüngeren Geschichte hervorzuheben: der 9. November der Jahre 1918 und 1938.

Der 9. November 1918 manifestierte nach vier opferreichen Kriegsjahren mit dem Matrosenaufstand das Ende des deutschen Kaiserreiches und in unmittelbarer Folge zugleich die revolutionäre Taufe der Weimarer Republik.

Am 9. November 1938, brannten die Synagogen und zahllose Geschäfte jüdischer Mitbürger in Deutschland und in Österreich, angezündet von nationalsozialistischen Fanatikern, aber auch angefeuert von zahlreichen aufgeputschten sogenannten „normalen“ Deutschen.  

Bei aller Unterschiedlichkeit der drei Ereignisse, so eint sie der Charakter einer Zeitenwende. Mit anderen Worten, ihre jeweilige Geschichte begann früher und die nachhaltigen Wirkungen dieser Ereignisse entfalteten sich erst danach in Gänze.

Die kurze Geschichte der Weimarer Republik gründete in der imperialen Kriegspolitik des deutschen Kaiserreiches. Aufgrund der mangelnden Resilienz und Wehrhaftigkeit der jungen Republik in Zeiten galoppierender wirtschaftlicher Krise und sozialen Niedergangs, war ihr Scheitern in der späteren Machtübernahme der Nationalsozialisten vorgezeichnet. Deren Herrschaft wiederum gründete auf einer vor allem gegen Juden gerichteten völkisch-faschistischen Ideologie, die bereits in den 1920er Jahren rasch ansteigenden Zulauf verzeichnete. Die Brandnacht vom 9. November 1938 war ein Zwischenschritt auf dem Weg in die Shoa, an deren Beginn vor allem Häuser verbrannt wurden, später dann jedoch auch die aus ihnen gewaltsam vertriebenen Menschen.

Mit dem 9. November 1989 verbinden sich derart schreckliche Erfahrungen glücklicherweise nicht. Dennoch ist die Erinnerung auch an den Fall der Mauer drei Jahrzehnte später nicht völlig ungetrübt. Drei Aspekte empfinde ich als besonders beunruhigend:

1. Polarisierung und Radikalisierung in demokratischen Gesellschaften: Deuten die Wahlverluste früherer Volksparteien in mehreren EU-Staaten darauf hin, dass die Demokratie, wie wir sie kennen, nicht nur von den Rändern her gefährdet ist, sondern zunehmend aus der Mitte der Gesellschaft, weil auch hier Polarisierung und Radikalisierung Raum gewinnen? Wenn Ausgrenzung und Anfeindung den konstruktiven Streit um politische Alternativen verdrängen, verändert sich auch der Charakter der Gesellschaft insgesamt. Gewiss, Geschichte muss sich nicht wiederholen, der Bestand der Demokratie ist aber auch nicht allein aus sich heraus garantiert.

2. Die Rückkehr des Kalten Krieges: Mit dem Fall der Mauer und der Überwindung der Teilung Europas verband sich die Hoffnung auf eine dauerhafte Sicherheit Europas. Wurde diese Hoffnung bereits in den Balkankriegen Anfang der 1990er Jahre schwer erschüttert, so ist für die Gegenwart nüchtern zu konstatieren, dass die Architekten für die Überwindung der europäischen Teilung an der Aufgabe gescheitert sind, eine tragfähige Friedensgemeinschaft zu schaffen. Das Verhältnis zwischen Russland, seinen Nachbarn und seinen westlichen Partnern ist heute bis in die Grundfesten gestört. Die Gefahr europäischer Kriege ist wieder real, in der Ukraine bereits Realität.

3. Der grassierende Vertrauensverlust von Institutionen und Recht: Die Pfeiler der europäischen Ordnung sind porös geworden, teilweise zerbrochen. Rüstungskontrollverträge wie der INF Vertrag zu nuklearen Mittelstreckensystemen sind aufgekündigt oder wie der Vertrag über konventionelle Streitkräfte in Europa praktisch obsolet, die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa ist geschwächt, die Europäische Union durchziehen tiefe politische Risse. Nationale Egoismen behindern notwendige Gemeinschaft in Schlüsselfragen der europäischen Gegenwart und Zukunft. Eine dauerhaft friedliche Zukunft Europas ist nur 30 Jahre nach dem Mauerfall nicht mehr gewiss.

Wenn sich die am 9. November 1989 geweckten Hoffnungen nicht vollends zerschlagen sollen, ist entschlossenes, gegensteuerndes Handeln gefordert. Und zwar jetzt! Wer politische Gestaltungsfähigkeit ohne Gegenwehr preisgibt, dem droht später ein bitteres Erwachen.

Wir Deutschen können froh sein, in der jüngeren Geschichte segensreich behandelt worden zu sein – angesichts des bitteren Leids, das Deutschland ins seiner Vergangenheit über Andere gebracht hat. Auch daraus aber erwächst Verantwortung, über die eigenen Landesgrenzen hinaus für Frieden und Sicherheit einzustehen. Das bedeutet aber nicht, in den sich verstärkenden Chor von Geopolitik einzustimmen, die – jedenfalls für Deutschland – in der Geschichte stets ein Irrweg in nationale Katastrophen war.

Der Herbst 1989 lehrt uns, dass durch vertrauensvolles Zusammenwirken demokratisch gesinnter Akteure viel Gutes erreicht werden kann. Sich daran zu messen, verliehe dem Jubiläum am 9. November 2019 eine größere Bedeutung als nur die der Erinnerung an einen bestimmten Tag in unserer Geschichte.