Streitkultur 3.0: Lernräume und –medien für junge Menschen zur Auseinandersetzung mit Hass und Gewalt im Netz

Internet- und Smartphonenutzung haben einen weitreichenden Einfluss auf die Identitätsbildung von Jugendlichen. Das Netz ist nicht mehr nur Kommunikationsmittel, sondern auch erster Anlaufpunkt für Informationen zu aktuellen Ereignissen. Über soziale Netzwerke sind Kinder und Jugendliche früh mit Bildern und Meldungen konfrontiert, die Angst hervorrufen können. Es fällt schwer Meinungen von Meldungen, Gerüchte von Fakten zu unterscheiden. Dadurch gelingt es Verschwörungstheoretikern und Extremisten, Medien für ihre Sache zu instrumentalisieren, Angst zu schüren oder Jugendliche sogar zu radikalisieren.

Das Modellprojekt Streitkultur 3.0 bereitet diese Themen dialogorientiert auf: Jugendliche werden in einem partizipativen Prozess gegenüber Hass, Hetze und Diskriminierung im Netz sensibilisiert und entwickeln gemeinsam mit dem Team der Berghof Foundation Strategien, jugendaffine Zugänge und Lernmedien (Trickfilme; App) für den Umgang von Hass und Hetze im Netz. Mittels innovativer Methoden werden die Medien- und Informationskompetenzen der Jugendlichen gestärkt und Handlungskompetenzen entwickelt, die sie zu einer kritischen Mediennutzung befähigen. Dadurch können sie an einer offenen und demokratischen Diskussionskultur im Netz teilhaben. Als Ergebnis des Projekts entstehen Formate für Dialoglabore, die für Schulen und in der Jugendarbeit angeboten und von qualifizierten Jugendlichen (Peers) oder Lehrkräften durchgeführt werden.

Laufzeit

2017-2019

Mehr Informationen gibt es bald auf www.frieden-fragen.de und ab Herbst 2018 in der App Streitkultur 3.0

Aktuelle (weltpolitische) Ereignisse wie Gewalt, Unterdrückung, Terrorismus oder Krieg erzeugen bei Jugendlichen zunehmend Unsicherheiten und Ängste. Durch die Schnelligkeit der Medien und die wachsende Verbreitung von Fake News und Hassreden entstehen neue Herausforderungen für Jugendliche, aber auch für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren sowie Lehrkräfte. Die Orientierungssuche im Internet und in den sozialen Medien ist problematisch. Dort stehen häufig ungeprüft Aussagen gegen Aussagen, was zu einer zusätzlichen Verwirrung der Zielgruppe führt. Zeitgleich entstehen bereits in der Wahl der konsumierten Medien Filterblasen, die durch Algorithmen in den Sozialen Medien weiter verstärkt werden. Kontroverse Inhalte werden durch die Algorithmen der sozialen Medien nicht zugelassen, es entstehen sogenannte Echokammern. Filterblasen erzeugen Erwartungssicherheit und verhindern kontroverse Diskussionen bzw. den Dialog mit Andersdenkenden. Die Möglichkeit, miteinander in Kontakt und Dialog zu treten, verringert sich. Beides ist entscheidend für die Ausbildung demokratischer Werte und einer Multiperspektivität. Umso wichtiger ist es, dass Jugendliche sowie Multiplikatorinnen und Multiplikatoren eine kritische Medienkompetenz erlernen, um zum einen der Unsicherheit zu begegnen und andererseits Strategien im Umgang mit ihrer eigenen Filterblase zu entwickeln.

Ansatz

Jugendlichen werden Möglichkeiten ("Räume") angeboten, um sich kritisch mit demokratie- und menschenfeindlichen Informations- und Meinungsbildungsangeboten im Netz beschäftigen zu können und sich in einem dialogorientierten, partizipativen Prozess an der Entwicklung von Lernmedien zur Stärkung einer Streitkultur im Netz und eines Peergroup Ansatzes "Dialoglabor 2020" zu beteiligen. Dieser zweifache Prozess stärkt die Informations- und Handlungskompetenz nicht nur der direkt an den Prozessen beteiligten Jugendlichen. Das Projekt setzt unmittelbar an den Bedürfnissen der Zielgruppe Kinder und Jugendliche an (Suche nach Bewertungsmöglichkeiten von Informationen, nach Werteorientierung und nach Beteiligungsmöglichkeiten) und stellt sie in den Mittelpunkt der initiierten und begleiteten Lernprozesse. Durch das offene, dialogorientierte und partizipative Konzept des Projektes ist eine hohe Akzeptanz seitens der beteiligten Jugendlichen gegeben und, darauf aufbauend, auch bezüglich der gemeinsam erarbeiteten Lernmedien und Lernangebote.

Die folgenden Themengebiete werden im Projekt bearbeitet (und sind auch Bestandteil der Workshops bzw. der Dialoglabore):

  • T 1: Fake oder Fakt: Zum kritischen Umgang mit Informations- und Meinungsbildungsangeboten 
  • T 2: Hass und Hetze: Angebote gegen Menschenverachtung, Ausgrenzung und Gewalt
  • T 3: Bots und Algorithmen: Leitfaden für Multiperspektivität statt Meinungsmache
  • T 4: Kritische Medienkompetenz: Beiträge zu einer digitalen Ethik
  • T 5: Engagement im Internet: Gewaltfreiheit und Demokratie stärken

Ziele und Ergebnisse

Die in einem partizipativen Prozess erstellten Lernmedien (Lernmodule, App, Trick- und Erklärfilme, Leitfäden) werden über die Internetplattform frieden-fragen verbreitet, in Fortbildungsveranstaltungen für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren zugänglich gemacht und als Teil eines Peergroup Ansatzes in unterschiedlichen Bildungskontexten eingesetzt. Kinder und Jugendliche lernen mit Hass und Gewalt im Internet umzugehen, sich zivilgesellschaftlich im Netz zu engagieren und Beiträge zu einer demokratischen Streitkultur in sozialen Medien zu leisten.

Schlüsselakteure

Schlüsselakteure des Projekts sind Jugendliche im Alter zwischen 13 und 20 Jahren, die Schülerinnen und Schüler der Projektschulen in Baden-Württemberg und Berlin sind.

Förderung

Das Projekt "Streitkultur 3.0: Lernräume und -medien für junge Menschen zur Auseinandersetzung mit Hass und Gewalt im Netz" wird im Zeitraum von September 2017 bis Dezember 2019 im Rahmen von Demokratie leben! aus Mitteln des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert.

Feburar 2018 - Workshop zum Thema „Hass im Netz“

Warum ist Hass keine Meinung? Wann ist Hass Gewalt? Und was ist im Umgang mit Hass im Internet wichtig? Diese und viele andere Fragen stellten sich Mitglieder des Jugendrates im Rahmen des zweiten Workshops zum Thema "Hass im Netz" im Projekt "Streitkultur 3.0".

Am ersten Tag wurde der Workshop von einem Referenten des Projekts "Love Storm - Gemeinsam gegen Hass im Netz" begleitet. Dabei erarbeiteten die Jugendlichen, was Hate Speech überhaupt bedeutet und wie sich Begriffe der digitalen Gewalt, des Cybermobbings, der digitale Belästigung usw. voneinander unterscheiden. Darüber hinaus wurde thematisiert, wie die Strukturen des Internets digitale Gewalt und Hass ermöglichen und sogar verstärken können. Mit diesem Wissen entwickelten die Jugendlichen mögliche Strategien gegen Hass - für sich selbst, Betroffene und die Gesellschaft. Im anschließenden Probedurchlauf der Trainingsplattform "Love-Storm" konnten sie diese Strategien in einem geschützten Online-Chat praktisch anwenden und sich darin üben, Hass im Internet durch Gegenrede zu stoppen.

Der zweite Tag drehte sich vor allem um die Frage, welche Auswirkung Hate Spech auf die Demokratie hat und wie demokratische Werte im Netz gelebt werden können. Die Jugendliche führten eine hitzige Diskussion zum kürzlich verabschiedeten Netzwerkdurchsetzungsgesetz und dem zugrundeliegenden Spannungsverhältnis von Meinungsfreiheit und dem Schutz der Persönlichkeitsrechte. Doch wie mit Hass im Internet umgehen? Die Teilnehmenden waren sich in einem sehr einig: "Man kann Intoleranz nicht durch Intoleranz bekämpfen".

Eine Kleingruppe führte abschließend eine Straßenumfrage zum Thema "Hass im Netz" durch, während eine zweite Gruppe ein eigenes Konzept für einen Erklärfilm erarbeitet. Sowohl die Interviews, als auch der Erklärfilm werden auf frieden-fragen.de veröffentlicht und für die Streitkultur-App verwendet, die im Laufe des Projekts für den Schulunterricht entwickelt wird.

Dezember 2017 – Erstes Treffen des Projektbeirats

Reflektion, Austausch und Ausblick: Erste Projektschritte und zukünftige Entwicklungen im Projekt Streitkultur 3.0 standen im Fokus des ersten Treffens des Projektbeirats.

Bestehend aus einem fünfköpfigen Gremium, darunter Dr. Ruth Festl (Deutsches Jugendinstitut, ab Januar Leibniz-Institut für Wissensmedien, Tübingen), Dr. Maya Götz (Leiterin des Internationalen Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen beim Bayerischen Rundfunk, München), Dr. Jessica Heesen (Internationales Zentrum für Ethik in den Wissenschaften, Tübingen), Dr. Claudia Lampert (Hans-Bredow-Institut, Hamburg) und Dr. Nils Brüggen (JFF-Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis, München) unterstützt der Projektbeirat das Modellprojekt mit fachspezifischem Input.

Während des ersten Treffens drehten sich zentrale Diskussionen um verschiedene Aspekte von Lernsettings, dem Einsatz von Smartphones im Unterricht sowie der Schaffung neuer digitaler Lernräume. Da das Modellprojekt darauf abzielt, Jugendlichen für das Aushandeln von Meinungen außerhalb starrer Kategorien zu ermutigen und gemeinsam mit ihnen Raum für Dialog zu schaffen, lag der inhaltliche Fokus auch auf der Konzeption der Dialoglabore.

November 2017 - „Fake oder Fakt“: Workshopauftakt des Projektes „Streitkultur 3.0“

Was ist wahr und was kann man im Internet eigentlich noch glauben? Mit dieser Frage setzten sich Mitglieder des neu konstituierten Jugendrates des Projektes "Streitkultur 3.0" auseinander. Im Rahmen eines zweitägigen Workshops zum Thema "Fake News" lernten sie unter Anleitung eines Experten des Landesmedienzentrums Baden-Württembergs unterschiedliche Arten von Fake News und mögliche Folgen der Verbreitung (z.B. Ausgrenzung, Diskriminierung) kennen. Ein Schwerpunkt lag auf der Erprobung von praktischen Methoden, mit denen Fake News identifiziert werden können. Dazu gehörte die kritische Auseinandersetzung mit Quellenangaben, die Verwendung von Bildmaterial, statistischen Grafiken und der Formulierung von Zahlenangaben sowie was bei der alltäglichen Nutzung von Wikipedia zu beachten ist.

Im weiteren Arbeitsprozess diskutierten die Jugendlichen in Gruppenarbeit zentrale Aspekte des Themas "Fake News". Der Tipp eines Jugendlichen für den Umgang mit Fake News: "Aufgeklärt sein! Ein Thema, das einen interessiert, sollte Anlass dafür sein, mehrere Quellen zu suchen und zu recherchieren."

Schließlich erarbeiteten die Jugendlichen gemeinsam mit dem Projektteam der Berghof Foundation ein erstes Konzept zur Erstellung eines Erklärfilms, der auf dem Portal www.frieden-fragen.de veröffentlicht werden soll.

November 2017 – Eintägiger Workshop zur Einführung in die Konzeption von Trickfilmen

Ganz im Zeichen der Konzeption und Produktion von Trickfilmen stand die zweite Veranstaltung des Projekts Streitkultur 3.0. Rund 15 Jugendliche des Jugendrates bekamen zunächst einen Einblick in die Unterscheidung verschiedener Erklärfilmtechniken, wobei sich der Fokus auf die sogenannte "Legetrick-Technik" bezog. Gemeinsam mit einer Referentin (Silke Hilgers) analysierten die Mitglieder des Jugendrates anhand von Beispielen entscheidende Filmelemente. Zentral war dabei die bildhafte Symbolisierung von Sprechertexten und die Vermeidung einer möglichen Text-Bild-Schere.

In diesem Prozess lernten die Jugendlichen die Funktion eines Storyboards, die Bedeutung präziser Formulierungen sowie die vielfältige Darstellung und Zeichnung von Figuren.

Zu vorgegebenen Beispielthemen erarbeiteten die Jugendlichen in Eigenarbeit eine erste Drehbuch-Konzeption. In der Produktionsphase führten die Jugendlichen selbstständig Dreharbeiten durch und filmten ihren entworfenen Erklärfilm. Herausfordernd dabei war vor allem das richtige Timing und die Koordinierung von Sprechertext und passendem Bildmaterial.

Oktober 2017 - Erstes Treffen des Jugendrates

Zum Auftakt des Projekt Streitkultur 3.0 fand Ende Oktober das erste Treffen des Jugendrates statt. Bei dieser Gelegenheit lernten sich die 22 Schülerinnen und Schüler von insgesamt fünf verschiedenen Schulen aus Tübingen und Rottenburg kennen. Ziel des Treffens war die Wahl persönlicher Interessensschwerpunkte der Mitglieder des Jugendrates im Projekt.

An themenspezifischen Lernstationen setzten sich die Jugendlichen jeweils in Kleingruppen mit den fünf Themengebiete des Projekts "Fake oder Fakt", "Hass und Hetze im Netz", "Bots und Algorithmen", "Kritische Medienkompetenz" sowie "Engagement im Internet" auseinander. Dabei erarbeiteten sie erste Diskussionspunkte und Fragen, welche im Anschluss gemeinsam reflektiert und diskutiert wurden. "Hass mit Hass bekämpfen, das funktioniert nicht", argumentierte ein Jugendlicher in der Diskussion um Hate Speech und Hetze im Internet überzeugt.

In den kommenden Monaten werden sich die Jugendlichen in Kleingruppen in die Themengebiete einarbeiten und verschiedene didaktische Methoden kennenlernen. Gemeinsam mit den Jugendlichen sollen die zentralen Inhalte sowie geeignete Methoden für Dialoglabore erarbeitet werden, die später mittels einer eigens entwickelten App im Schulunterricht und der außerschulischen Jugendarbeit durchgeführt werden können. Eine zentrale Rolle spielt dabei auch die Konzeption von Erklärfilmen.