Allparteilichkeit

Konfliktakteure lassen sich auf einen Vermittlungsprozess nur dann wirklich ein, wenn sie den Mediator bzw. die Fazilitatorin nicht für einseitig oder voreingenommen halten. Zu den wichtigsten Eigenschaften von Vermittlern gehören daher ein  klares Selbstverständnis der eigenen Rolle sowie eine ehrliche und möglichst offene Haltung gegenüber allen Konfliktparteien. In komplexen politischen Rahmenbedingungen kann jedoch kaum jemand als neutral gelten. Gerade unmittelbar vom Konflikt Betroffene bringen häufig die hohe Einsatzbereitschaft mit, die die Suche nach einer friedlichen und gerechten Lösung erfordert. Und gerade sie kennen die tieferliegenden Fragen und möglichen Fallstricke, die später noch relevant werden können, genau. Daher ist es v.a. ein Gespür für Fairness sowie die Fähigkeit, alle Seiten gleichwertig zu behandeln, was einen guten Fazilitor bzw. eine gute Mediatorin auszeichnen.

Allparteilichkeit, im Unterschied zu Neutralität, verweist darauf, allen Seiten gegenüber transparent zu sein, was die eigenen Verbindungen und Ansichten zu dem konkreten Konflikt betrifft. In erster Linie gilt es aber sicherzustellen, dass alle gleichermaßen gehört und gleichwertig in den Prozess eingebunden werden. Dies ist besonders in asymmetrischen Konflikten ein anspruchsvolles Unterfangen: hier dominiert in der Regel eine Seite das Geschehen. Diese mag zunächst davon ausgehen, dass die andere Seite einer Abmachung schon zustimmen werde, sobald man einzelne Zugeständnisse mache. Dagegen mag für andere Konfliktakteure aber ein umfassender Blick auf die Ursachen und Auswirkungen des Konflikts unverzichtbar sein, was letztendlich auf einen tiefergreifenden Prozess zur Transformation des Konflikts hinauslaufen würde. Die Rolle eines Fazilitators oder einer Mediatorin besteht hier nicht darin, sich auf eine Seite zu stellen oder sich letztlich zum Anwalt der Ausgegrenzten oder Benachteiligten zu machen. Vielmehr geht es darum, den Konfliktparteien einen Perspektivenwechsel zu ermöglichen, indem man ihnen die Chancen auf Lösung des Konflikts als Ergebnis der Verhandlungen vor Augen führt. Gleichzeitig gilt es deutlich zu machen, dass Vereinbarungen nur dann langfristig Bestand haben, wenn dieser Prozess inklusiv angelegt ist, d.h. alle Seiten eingebunden und berücksichtigt werden.

Allparteilichkeit verlangt seitens der Vermittler Empathie und Offenheit gegenüber allen Konfliktparteien. Ebenso notwendig ist die Fähigkeit, widersprüchliche Perspektiven und Modelle in ein übergreifendes gemeinsames System zur friedlichen Lösung des Konflikts zusammenführen zu können. Insider Mediatoren spielen hier eine besonders wichtige Rolle. Der Aufbau von Kapazitäten, technische und prozessuale Expertise, die insbesondere den weniger dominierenden Parteien zugutekommt, kann dazu beitragen, dass der Prozess ausgeglichener verläuft und die Chancen für einen Erfolg steigen. Diese Rollen sollten aber zwischen den verschiedenen Unterstützern eines Friedensprozesses aufgeteilt werden. So kann verhindert werden, dass die für jeden allparteilichen Vermittler so wichtige, allen Konfliktparteien gegenüber gleiche Distanz verloren geht. 

Wichtige Merkmale

  • Allparteilichkeit stellt Anforderungen an Einstellungen und Verhalten von Drittparteien, die an der Unterstützung von Friedensprozessen und Konfliktparteien beteiligt sind.
  • Sie basiert auf Prinzipien der Verfahrensgerechtigkeit, Ergebnisoffenheit und Gleichbehandlung aller beteiligten Konfliktparteien.
  • In stark asymmetrischen Konflikten mag Allparteilichkeit erst umsetzbar sein, wenn die Verhältnisse zwischen den Konfliktparteien mittels Kapazitätsaufbau und Qualifizierung weiter angeglichen werden. Diese Unterstützungsmaßnahmen sollten aber auf ein breites Spektrum interner und externer Unterstützer verteilt werden.

Unser Annual Report 2018 stellt einige Projekte der Berghof Foundation vor, die Allparteilichkeit in Forschung, Praxis und Bildung umsetzen.

  • National Dialogue Handbook. A Guide for Practitioners. 2017. PDF >
  • Norbert Ropers, with Beatrix Austin, Anna Köhler & Anne Kruck (eds.): Basics of Dialogue Facilitation. 2017. Berlin: Berghof Foundation. Educational & Multimedia. mehr >
  • Véronique Dudouet: Nonviolent Resistance and Conflict Transformation in Power Asymmetries. 2008. Handbook Article. PDF >
  • Hans J. Giessmann & Oliver Wils: Seeking Compromise? Mediation through the Eyes of Conflict Parties. 2011. Handbook Article. PDF >
  • Norbert Ropers: A Systemic Approach: Reflections on Sri Lanka. 2011. Handbook Article. PDF >
  • Christopher R. Mitchell: Conflict, Social Change and Conflict Resolution. An Enquiry. 2006. Handbook Dialogue Series No. 5 - lead article. PDF >
  • Norbert Ropers: Systemic Conflict Transformation. Reflections of the Conflict and Peace Process in Sri Lanka. 2008. Handbook Dialogue Series No. 6 - lead article. PDF >
  • Chris Moore on Multipartiality in Mediation, 2010, Video >
  • Lisa M. Landreman (ed.) The Art of Effective Facilitation: Reflections from Social Justice Educators, 2013, Book >