Gewaltbereiter Extremismus und Konflikttransformation

Seit einigen Jahren ist der global zunehmende gewaltbereite Extremismus in aller Munde. Unterschiedlichste Phänomene werden darunter subsumiert: junge Kämpferinnen und Kämpfer, die aus dem Ausland an die Kriegsschauplätze in Syrien oder im Irak ziehen; Terroranschläge von Manchester bis Kabul; zunehmend öffentlich propagierte gewaltfördernde Ideologien und Parolen. Mit Gewaltextremismus und seinen Protagonisten umzugehen, stellt auch für die Friedensforschung und die Praxis der Konflikttransformation eine wachsende Herausforderung dar.

Gewaltverherrlichende Ideologien und terroristische Akte weniger Akteure sollten niemals den Blick für die weltoffene und Gewalt ablehnende Haltung der Mehrheit verstellen. Dennoch ist die Eindämmung von gewaltbereitem Extremismus unübersehbar zu einem Kernbereich politisch-öffentlichen Engagements geworden. Mit großer Priorität werden in nationalen und internationalen politischen Entscheidungszentren Gegenstrategien formuliert und verfolgt. Gleichzeitig bleiben der Begriff und das, was sich dahinter verbirgt, problematisch: zu leicht kann er kollektiv gegen Gruppen gewendet werden. Das Ziel, die tieferliegenden Ursachen und Triebkräfte von Gewalt, auch extremistischer Gewalt, zu verstehen, rückt dabei leicht in den Hintergrund. In den öffentlichen und politischen Debatten gehen Differenzierungen häufig verloren: zum Beispiel die Unterschiede zwischen gewalttätigem Extremismus und anderen politischen und sozialen Formen von Gewalt, oder auch zwischen gewaltbereitem Extremismus und auf Gewalt verzichtendem Extremismus.

In unserer Arbeit bei der Berghof Foundation konzentrieren wir uns besonders auf zwei Themen: Zum einen wollen wir ergebnisoffen erforschen, welche Triebkräfte einem gewaltbereiten Extremismus zugrunde liegen. Zum anderen wollen wir Bemühungen unterstützen, die Toleranz und Inklusivität stärken. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei der Rolle von (Friedens-)Erziehung, Institutionen und Gemeinschaften sowie der Frage, wie Resilienz entsteht. Im Mittelpunkt stehen dabei die Akteure vor Ort mit ihren Erfahrungen und Erkenntnissen.

Unser Verständnis von Gewaltextremismus und vier Gegenstrategien

Wir verstehen unter gewaltbereitem Extremismus im Allgemeinen solche Formen von Gewalt, der radikale Ideologien zu Grunde liegen und die von Gruppen oder Individuen befürwortet und ausgeübt werden, um grundlegende politische oder soziale Veränderungen herbeizuführen. Gewaltbereiter Extremismus ist nicht Merkmal einer bestimmten Ideologie, Nation oder Religion. Debatten, die in Bezug auf konkrete Gruppierungen geführt werden (z.B. gewaltbereite Ideologien hinter der Pegida Bewegung; Gewalt durch Anhänger von Gruppierungen wie Al Qaida oder ISIS), dürfen hierüber nicht hinweg täuschen. In jedem Kontext gibt es zudem verschiedene Strategien, mit dem Phänomen umzugehen. Zwar werden die folgenden Begriffe weder konzeptionell noch operativ einheitlich definiert oder angewandt. Daher bleiben Unterschiede zwischen ihnen je nach (nationalem) Diskussionszusammenhang oftmals unscharf. Dennoch geben sie eine grobe Orientierung über verschiedene Zugänge:


CVE ist eine Strategie im Umgang mit gewaltbereitem Extremismus, die stark auf (militärische bzw. polizeiliche) Sicherheit ausgerichtet ist. Sie nutzt inzwischen viele verschiedene Methoden und Zugangsebenen, bleibt aber einem eher antagonistischen Grundverständnis des Verhältnisses zwischen Extremisten und Mehrheitsgesellschaft verhaftet. Chronologisch war diese Strategie die erste Weiterentwicklung von rein militärischen, auf Eindämmung, Schutz und Sicherheit setzenden Anti-Terror Instrumenten.

PVE nimmt, in Weiterentwicklung von CVE Ansätzen, stärker die gesellschaftliche Entstehungsebene und die vielfältigen Ursachen von Gewaltextremismus in den Blick. Diese Strategie wurde erstmals im Aktionsplan der UN benannt, den der damalige UN Generalsekretär Ban Ki-Moon 2016 vorstellte. In den Mittelpunkt rücken sogenannte Antriebsfaktoren („push“) und Anziehungsfaktoren („pull“), sowie die Stärkung von individueller und kollektiver Resilienz.


TVE underscores the possibility of changing actors and means of violence rather than solely the need to step up security or resilience to protect and prevent: “Transforming violent extremism recognizes that while violent extremism exists, the reasons and motivators leading to an individual being drawn to violent extremist movements can be transformed into a different type of agency or engagement. This is distinct from countering violent extremism which is reactive to extremist violence rather than aimed at altering the dynamics that motivate it.” (SFCG, TVE Report, 2017, p. 4). The term is also taken as lead concept in our forthcoming Handbook Dialogue 13, where lead author Mohammed Abu-Nimer proposes: “What is truly needed to effectively address VE is the development of … programmes that take into account the ‘human factors’ – the community context, culture and religion, building trust with the community, fostering intra-community relationships through dialogue, finding a language of peace and peace education, etc.” (Abu-Nimer, 2018, p. 3)

EVE ist derzeit eine explorative Strategie, die unterstreicht, dass grundlegende Ursachen und Möglichkeiten der Veränderung nicht in isolierten akademischen, sicherheitspolitischen oder westlichen Zusammenhängen diskutiert werden sollten, sondern immer zusammen mit betroffenen Gemeinschaften und Gruppierungen. EVE fasst auch ins Auge, dass Dialog mit radikalisierten Gruppen und Individuen ein tragfähiger Ansatz sein kann, wenn er mit dem Ziel der Gewaltminderung geführt wird oder den Weg zu einem Friedensprozess ebnen kann.